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13.10.2009

Mildenfurther Welttheater

von Annerose Kirchner Ostthüringer Zeitung

Neuer Jahrgang der Thüringer "Edition Muschelkalk" ist erschienen

Von Annerose Kirchner Im vergangenen Jahr veröffentlichten Jens-Fietje Dwars, Henryk Goldberg und Harry Weghenkel Essays, Feuilletons und Lyrik in der "Edition Muschelkalk".
In diesem Jahr unterstreichen Landolf Scherzer, Marie-Elisabeth Lüdde und Wulf Kirsten, diese anspruchsvolle Reihe mit ihrer charakteristischen Einbandgestaltung - eine Versteinerung, wie sie im thüringischen Muschelkalk vorkommt - sucht ihresgleichen. Seit 2000 erscheint die von Wulf Kirsten begründete und seit 2002 von Kai Agthe herausgegebene Edition - je Band 11 Euro - unter Ägide der Literarischen Gesellschaft Thüringen im Wartburg Verlag. Quasi als Fortsetzung der "Thüringen-Bibliothek", die Kirsten ebenfalls ins Leben rief und die in zehn Bände herauskam.

Nun liegen die Muschelkalk-Bände 28, 29 und 30 vor. Landolf Scherzer, der Grenz-Wanderer, ist ständig unterwegs. Zu seinen Reisezielen gehört auch die Ukraine. Von dort hat er zwei Reportagen mitgebracht - eine Annäherung an Tschernobyl. Die Titelgeschichte "Das Sarggeld von Uljanowna", bereits 1992 entstanden, erzählt zum Beispiel, wie die Bewohner eines Dorfes zusätzliches Geld bekommen, um strahlenfreies Obst und Gemüse zu kaufen. Scherzer bekommt unterwegs den Rat, in die kranken Seelen zu schauen, dann könne er Tschernobyl begreifen. Das hat er intensiv getan. In "Zwei Versuche, mich Tschernobyl zu nähern" berichtet er, wie Tschernobyl als Katastrophen-Event vermarktet wird und wie die Opfer heute sich selbst überlassen werden. Scherzer hält den Finger in schmerzende, sich niemals schließende Wunden.

Marie-Elisabeth Lüdde, die in der Edition bereits Erinnerungen von Siegfried Pitschmann vorlegte, setzt sich in der Familiengeschichte "Vati und Mutti" mit ihren Eltern auseinander. Dieser autobiografische Text verstört vor allem durch die geschilderten traumatischen Erlebnisse der Kinder Lisi und Michi.

Wulf Kirsten, der hervorragende Dichter und Erzähler, bestätigt erneut seinen Ruf als glänzender Essayist. "Gegenbilder des Zeitgeists" versammelt persönliche Erinnerungen über seinen "krummbeinigen" Weg in die Literatur, Tagebuchnotizen aus dem Herbst 1989 über die Erfahrungen mit der Wende, die Kirsten ganz unmittelbar als aktiver Zeitzeuge erlebte. Erweitert werden diese "Thüringische Reminiszenzen", so der Untertitel des Jubiläumsbandes, um Texte über Weggefährten wie Harald Gerlach, Wolfgang Hilbig und Fred Wander. Und der Weimarer erlebt "Mildenfurther Welttheater" in der Begegnung mit dem ostthüringischen Bildhauer Volkmar Kühn - ein Text über Weltentdeckung in einem "Gesamtkunstwerk". Ein großartiger Abschluss, wie es sich für die "Edition Muschelkalk" geziemt.

Wie ihre Vorgänger wurden die Bände 28, 29 und 30 von der E.ON Thüringer Energie AG und dem Thüringer Kultusministerium gefördert. Leider hat sich E.ON nun von diesem Sponsoring verabschiedet. Damit die Reihe nicht endet, muss für den nächsten Jahrgang Unterstützerhilfe gefunden werden.