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22.10.2008

Merkwürdigkeiten vom Herren-Dreier

von Frank Quilitzsch TLZ

Erfurt/Weimar. (tlz) Im letzten Jahr hatten wir mit drei reiferen Autorinnen das Vergnügen. Nun wird - ausgleichende Gerechtigkeit - ein geistig junger Herren-Dreier nachgereicht: Band 25 bis 27 der von der Literarischen Gesellschaft herausgegebenen Reihe "Edition Muschelkalk" bringen Essays von Jens-Fietje Dwars, Feuilletons von Henryk Goldberg sowie Lyrik von Harry Weghenkel.
Der Zugewinn für das einst von Wulf Kirsten als "Thüringen-Bibliothek" gestartete und seit einigen Jahren von Kai Agthe betreute Unternehmen liegt auf der Hand: Mit Dwars und Goldberg finden zwei bekannte und couragierte Vertreter des Feuilletons Eingang in den kollektiven Speicher, zwei belesene Geister, die sich einmischen. Das Manko: Die meisten Texte wurden bereits anderswo veröffentlicht. Harry Weghenkels in klassischer Strenge gefertigte Lauchröder Lyrik liegt erstmals in gedruckter Form vor - ein Debüt mit Gedichten aus drei Jahrzehnten.

"Big Brother" als Denkaufgabe

Der in Jena lebende Dwars (Jahrgang 1960) ist der Umtriebigste des Trios und zudem über Thüringen hinaus bekannt. Er hat sich mit Biografien über Johannes R. Becher und Peter Weiss sowie als Herausgeber von Lyrik-Anthologien einen Namen gemacht, ist Chefredakteur des Literaturjournals "Palmbaum" sowie freier Filme- und Ausstellungsmacher. In "Charivari" hat er verstreut publizierte Texte, auf Tagungen und für Ausstellungseröffnungen verfasste Reden gebündelt und durch Aphorismen aufgelockert. Mit "Sweet Alida - Big Brother als Denkaufgabe" wendet er sich gegen den Zeit-Ungeist der Medien, mit Banalitäten Quote zu erzielen. Im Einklang mit Günter Eich plädiert er für einen "Willen zur Ohnmacht". Wunderbar die Glosse über den "Straßenkampf in Dabel", einer kleinen Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern, wo sich das Volk gegen die Umbenennung einer nach Becher benannten Straße entscheidet. Dem Nietzsche-Kenner Dwars geht es um die Rolle des Intellektuellen. In seinem erstmals veröffentlichten Essay "Nachdenken über ein Datum" untersucht er, wie der 17. Juni 1953 in der DDR-Literatur reflektiert wurde.

"Es gibt ein Erleben neben den Geschichtsbüchern, das hat auch zu tun mit Geschichten-Büchern und Lebens-Geschichten", notiert Henryk Goldberg in ureigenem Duktus. Der Satz könnte als Credo des 1949 geborenen ehemaligen Erfurter Bühnenarbeiters gelten, der sich nach Volkshochschule und Studium der Theaterwissenschaften der Redakteurslaufbahn zugewandt und vom Neuen Deutschland über die Junge Welt und den Filmspiegel zur Thüringer Allgemeinen gefunden hat, wo er u. a. die Wochenend-Kolumne "Salon" bestückt. Goldberg ist sozusagen der Bodo Baake der TA und hat für seinen Muschelkalk-Band ein Best-Of zusammengestellt. Der Titel, "Damals und noch viel früher", ist selbstredend eine Übertreibung, auch wenn der Kolumnist bis in die Kindheit taucht oder sich jener Zeit erinnert, da er im VEB Druckerei Fortschritt noch mit Bleisätzen hantierte. Neben Anekdoten aus dem Redakteursalltag und Betrachtungen zum Zeitgeschehen finden sich Glossen, etwa auf die Superdichter-Ambitionen des Vereins Deutsche Sprache (VDS), und Polemiken, vor allem gegen anonyme Schmierereien aus der rechtsradikalen Ecke. Am stärksten ist Goldberg, wenn er persönlich wird, sich seiner Jugendsünden erinnert oder David Ratschläge erteilt, die kein Sohn befolgen mag.

Last but not least: Harry Weghenkel (Jahrgang 1958), ein Thüringer Urgestein, das sich vom Fahrzeugschlosser zum Lehrer für Deutsch und Englisch fortgebildet hat, gelegentlich als Liedermacher auftritt, die Amateurtheater-Truppe "Werralöwen" leitet und aus sieben unveröffentlichten Lyrikbänden schöpft.

Deutscher Kleingeist schwimmt ewig oben

Der Ruhlaer Gymnasiallehrer huldigt exzessiv der klassischen Form, war zeitweilig von dem Ehrgeiz besessen, die unvollkommene Welt ausschließlich in Sonetten zu besingen. Davon hat Weghenkel inzwischen Abstand genommen, wenngleich einige der Sonette unverzichtbarer Bestandteil des Bandes "Nachrichten vom Taubenacker" sind. Sein "Leselupensonett" endet wie folgt: "Der deutsche Kleingeist schwimmt / Und mosert ewig oben. // O Sachsens Crowindianer! / Wer eine Lupe nimmt, / Findet auch was zu loben."

i Jens-Fietje Dwars: Charivari. Essays, Glossen und andere Merkwürdigkeiten; Henryk Goldberg: Damals und noch viel früher. Feuilletons; Harry Weghenkel: Nachrichten vom Taubenacker. Ausgewählte Gedichte. Edition Muschelkalk, Wartburg-Verlag, Weimar, je Band ca. 80 S., 11 Euro.Buchpremiere: 27. Oktober, 17 Uhr, im Goethe-Institut Weimar. Am 24. Oktober, 20 Uhr, lesen die Autoren im Evangelischen Ratsgymnasium Erfurt.