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17.06.2012

Menantes-Förderkreis vergibt in Wandersleben Preis für erotische Dichtung

von Elena Rauch Thüringer Allgemeine

Germanistin und Jury-Mitglied Cornelia Hobohm und der Wanderslebener Pfarrer Bernd Kramer vor der Menantes-Gedenkstätte. Den Patron des Preises für erotische Dichtung, Menantes, haben sie innig in ihre Mitte genommen. Foto: Marco Kneise

Die Nachmittagssonne scheint auf den Hof der Menantes-Gedenkstätte. Auf der Bank unterm Kirschbaum sitzt es sich wunderbar. Aber ganz ungefährlich ist es auch nicht. Die ersten Kirschen sind reif, das wissen auch die Stare. Ab und zu fällt eine angepickte Frucht herunter, oder anderes. Das verleiht der Sache eine gewisse Spannung.

Wandersleben. Ein gleichsam schwebender Zustand, der einiges gemeinsam hat mit dem Gesprächsthema auf der gefährlichen Bank. Mit der Frage, was einen guten erotischen Text ausmacht. Der angesiedelt ist irgendwo in der erogenen Zone zwischen Romantik und der Sache selbst.

Und um die Frage, warum sich ausgerechnet ein evangelischer Pfarrer und seine Gemeinde an die Spitze der erotischen Literaturbewegung setzen. Heute nämlich wird hier zum vierten mal der Preis für erotische Dichtung vergeben und ausgelobt hat ihn der Menantes-Förderkreis der evangelischen Kirchgemeinde Wandersleben.

Pfarrer Bernd Kramer blinzelt in den Himmel. Aber es sieht nicht danach aus, dass er von dort eine Antwort erwartet. Im Gegenteil. Die liege, befindet er, im irdischen Leben selbst. Erotik ist schließlich ein Thema, das jeden Menschen berührt. Nicht als Massenware, sondern als besonderes Geschenk. Sie treibt Menschen an und um, weckt Sehnsüchte und Leidenschaften, stiftet Unruhe und Erfüllung. Warum sollte die Kirche ausgerechnet eine solche Kraft ausblenden?

Das sehen auch seine Gemeindemitglieder nicht anders. Im Vortragsraum der Gedenkstätte, wo heute die Werke der fünf Finalisten zum Vortrag kommen, prangen auf Bildern des Oberlausitzer Malers Falk Nützsche üppige Damen, wie Gott sie erschaffen hat. Manche tragen auch Wäsche, aber die kann man vernachlässigen. Kürzlich trafen sich unter der lasziven Räkelei die Senioren der Gemeinde zu ihrem Nachmittagskaffee. Sie fanden das Ambiente sehr anregend.

Im Übrigen verweist Pfarrer Kramer auf die hohe Instanz der Bibel. Dort wimmelt es schließlich auch von Geschichten um Eifersucht, Leidenschaft, Sehnsucht und Begehren, von denen die biblischen Protagonisten getrieben wurden. Der unersättliche König David zum Beispiel, der einem seiner Heeresführer auf ziemlich unfeine Art die Gattin ausspannte, weil ihn nach ihrem Anblick am Brunnen das Verlangen packte.

Oder jene Szene im Neuen Testament, in der Maria aus Bethanien Jesus die Füße mit Öl salbt. Das muss man sich mal vorstellen, begeistert sich Pfarrer Kramer. Da nimmt eine Frau Öl zur Fußwaschung, das sündhaft teuer gewesen sein muss, und trocknet dem Mann dann auch noch die Füße. Mit ihrem Haar! Eine hocherotische Szene, da knistert es doch unter jedem Wort der Überlieferung.

Es knisterte auch reichlich in den Romanen des Christian Friedrich Hunold, alias Menantes. Der Barock-Dichter wurde 1680 in Wandersleben geboren. Der quasi unter seinem Patronat ausgeschriebene erotische Dichterpreis ist somit eine ganz und gar seriöse und unanfechtbare Form der Traditionspflege. Da muss sich die Wanderslebener Kirchgemeinde nichts nachsagen lassen.

Menantes Zeit war die der Salongesellschaften, der angeklebten Schönheitsflecken, der gepuderten Perücken und eng geschnürten Kleider mit offenherzigen Dekolletés. Die Zeit der Prüderie war der Barock ganz sicher nicht. Und Menantes hielt ihren Eitelkeiten, Leidenschaften und Albernheiten den Spiegel vor. Viel schmach-tendes Begehren kommt darin vor, Intrigen, Liebschaften und Happy Ends. Seine "galanten Romane" waren, wie man sagt, Bestseller. Heute würde man ihn wahrscheinlich einen Tri-vialautoren nennen. Damals hatte jedes seiner Werke, jedenfalls die aus der "galanten Welt", das Potenzial zum handfesten Skandal.

Nicht unbedingt wegen der erotischen Fantasien. Wie gesagt, vor allem in Großstädten wie Hamburg, wohin es Menantes für eine Zeit verschlug, wusste man diesbezügliche literarische Anregungen zu schätzen. Wenn er nur nicht die Frechheit besessen hätte, zwischen den Zeilen auszuplaudern, was sich in den Hinterzimmern der feinen Gesellschaft so abspielte. Wer wen mit wem betrog, wer abgewiesen wurde und wer wen erhört hatte. Solche Indiskretion vertrieb ihn am Ende aus der Hansestadt. Hals über Kopf flüchtete der verfemte Enthüller nach Hause, nach Wandersleben.

Dass er am Ende richtig solide wurde, heiratete und an der Universität Halle Poetik und Rhetorik lehrte, ist dann eine andere Geschichte.

Menantes und die Kraft der Erotik also. "Dieses Weltmeer zu ergründen, ist Gefahr und Eitelkeit. In sich selber muss man finden Perlen der Zufriedenheit." Zeilen, die aus Erfahrung sprechen. Das Menantes-Zitat prangt auf der Rückseite des erotischen Siegerpokals. Was die andere Frage betrifft, was gute erotische Dichtung ausmacht, da wird es komplizierter. Ein Text, der gewissermaßen ein Versprechen zele-briert, aber nicht abgleitet, braucht ein ziemlich sicheres Gefühl für Balance.

Bei der ersten Ausschreibung des Preises im Jahr 2004, erinnert sich Bernd Kramer, behandelten das viele Einsender noch als heiteren Einfall. Aber das "Erste Mal" hat bekanntlich immer seine Tücken. Mittlerweile sind die Arbeiten deutlich stilsicherer geworden und anspruchsvoller auch. Eingereicht von Autoren, von denen sich sehr viele professionsmäßig mit dem Schreiben befassen.

Mit etwa 900 eingesandten Texten von 536 Autoren kann die erotische Ausbeute dieser vierten Runde als üppig bezeichnet werden. Jurymitglied Cornelia Hobohm hat etwa 160 davon im Vorfeld gelesen. Macht das bei dieser Menge noch Spaß? Die Germanistin beherrscht die Kunst der Diplomatie. Man staunt, sagt sie, dass man doch immer wieder überrascht wird.

Weil auch diesbezüglich jegliche Überraschung Ansichtssache ist, gibt es außerdem noch einen Publikumspreis. Ein schönes Beispiel dafür, wie Erotik zur basisdemokratischen Angelegenheit werden kann. Und da es eine Kirchgemeinde ist, die das Ganze ausgeheckt hat, ist für diesen Abend auch ein Bibelstudium vorgesehen. Pfarrer Bernd Kramer will ein Buch auslegen, in das jeder Besucher eine Lieblingszeile aus dem Hohelied Salomos hineinschreiben darf.

Ach ja, und was den gefährlichen Platz unter dem Kirschbaum anbelangt: die Stare haben nicht getroffen. Die Gesprächspartner verließen die Bank völlig unbefleckt.