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05.09.2009

Meine Wurzeln wurden damals nicht beschädigt

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) Heinrich Böll würdigte Reiner Kunze bei der Büchner-Preisverleihung 1977 als einen "Dichter mit einem schmalen Werk, in dem sich Welten entfalten". Besonders mit seinem Prosaband "Die wunderbaren Jahre", der in der DDR nicht erscheinen durfte, hat der 1933 im erzgebirgischen Oelsnitz Geborene eine ganze Generation junger Leute geprägt. Nach seinem Protest gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes 1968 in Prag und später gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann wurde Kunze aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen, erhielt quasi Berufsverbot und ging in den Westen.
Am heutigen Sonnabend wird dem Dichter, Erzähler und Essayisten für sein Gesamtwerk der von e.on gestiftete, mit 6000 Euro dotierte Thüringer Literaturpreis der Literarischen Gesellschaft verliehen. "In den Jahren, die Reiner Kunze in Thüringen verbrachte", heißt es in der Begründung der Jury, "wurde er mit seiner politischen Haltung unter schwierigsten Lebensbedingungen zu einem Vorbild vor allem für jene Jugendlichen in der DDR, die mit dem Stillhalteabkommen der Vätergeneration gebrochen hatten."

Herr Kunze, was bedeutet Ihnen dieser mit Thüringen verbundene Literaturpreis?

Ich kenne nicht alle Mitglieder der Jury, doch einen kenne ich sehr gut: Wulf Kirsten. Ihn schätze ich als Autor seit Jahrzehnten. Er war immer, auch unter schwierigen Umständen, ein integrer Kollege. Und wenn eine Jury, der Wulf Kirsten angehört, mir einen Literaturpreis verleiht, ist das eine Ehre.

Sie haben 15 Jahre in Greiz gelebt, das waren, vom Ende her betrachtet, keine wunderbaren Jahre. Sie wurden Mitte der 70er als Autor kaltgestellt, bespitzelt und letztlich aus der DDR vertrieben. Solche Wunden verheilen wahrscheinlich nie.

Das würde ich nicht sagen. Es geht nicht um diese Wunden, was sowieso ein diffuser Begriff ist. Die Wurzeln, die mich mit den Menschen in Thüringen verbinden, sind ja durch all diese Ereignisse überhaupt nicht beschädigt worden. Meine Frau und ich haben auch hier, in Niederbayern, wo wir seit 35 Jahren leben, wieder Wurzeln geschlagen. Aber das sind neue Wurzeln. Ich bin vor allem in meiner Sprache geblieben. Da bin ich hier genauso zu Hause wie in Thüringen. Viele Verbindungen haben damals unterirdisch weiterbestanden, trotz Mauer und Stacheldraht.

Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?

Das bin ich schon öfter gefragt worden. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich plötzlich an Wunder zu glauben begonnen habe.

An Wunder?

Ich war einer von denen, die immer darauf bestanden haben, dass wir ein Volk sind, dass Deutschland ein Ganzes ist. Doch hatten wir, meine Frau und ich, es nicht für möglich gehalten, dass es uns vergönnt sein würde, die Wiedervereinigung zu erleben. Eher befürchteten wir, dass es noch nicht einmal unseren Kindern und Enkeln vergönnt sein würde. Da konnte man den Fall der Mauer doch nur als Wunder empfinden.

Wie sehen Sie den Vereinigungsprozess?

Die Einheit zu vollenden, das wird zwei Generationen dauern.

Sie haben Ihren Teil dazu geleistet. "Die wunderbaren Jahre" waren im Westen Schullektüre ...

Sie sind es heute noch.

Sehen Sie die heutige Jugend ähnlich wie damals die jungen Leute in der DDR?

Das kann man nicht vergleichen, denn das sind ganz unterschiedliche gesellschaftliche Bedingungen. Aber es gibt natürlich auch heute junge, kritische Menschen, und es gibt junge Leute, die vom Medieninfantilismus geprägt sind.

Andererseits sind die Freiheiten durch das Internet und andere moderne Kommunikationsmittel gewachsen, was nicht heißt, dass es jedem leicht fällt, damit umzugehen.

Wir waren manipuliert durch Indoktrination, heute leiden viele junge Menschen an Orientierungslosigkeit.

Tippen Sie Ihre Verse noch auf der Schreibmaschine?

Ich habe sie nie auf der Schreibmaschine geschrieben, sondern immer mit dem Bleistift. Bestenfalls mit dem Füllfederhalter ...

Das ist ja noch konservativer!

Nein. Ich kann doch nicht die Schreibmaschine unter den Arm nehmen, das geht doch nicht. Ich schreibe auch heute noch alles mit der Hand. Aber weil wir eine Stiftung gegründet haben, brauchten wir einen Computer. Und aus diesem Grunde habe ich mich jetzt dem Computer - aber nur als Schreibcomputer! - anvertraut. Wenn einer meiner Texte so fertig zu sein scheint, dass ich meine, er steht, dann schreibe ich ihn mit Computer und freue mich über das saubere Schriftbild.

Sie sind ein hartnäckiger Gegner der sogenannten Rechtschreibreform. Was sind Ihre Haupteinwände?

Ich habe dazu eine Denkschrift verfasst, in der ich meine Einwände darlege. Sie heißt "Die Aura der Wörter". Die Problematik ist zu kompliziert und folgenreich, um sie hier in ein paar Sätzen erläutern zu wollen. Man müsste viele Beispiele anführen.

Was sind die Folgen?

Viele Feinheiten und Denkgenauigkeiten lassen sich schriftlich nicht mehr ausdrücken. Und es ist ein Rechtschreibchaos ausgebrochen. Was jetzt geschrieben und gedruckt wird und weder nach der neuen noch nach der traditionellen Rechtschreibung richtig ist, hätte sich vor der Reform niemand zu schreiben und zu drucken getraut. Ich lese ständig: "Herzlich Willkommen!" In Kürze weiß kein Mensch mehr, was ein Adverb ist.

Jeder schreibt jetzt so, wie er es für richtig hält.

Das Chaos wird Jahrzehnte dauern. Ich kann nur hoffen, dass irgendwann jemand, der politische Macht hat, zur Einsicht kommt und sagt: So geht´s nicht weiter, Leute. Wir müssen zurück zu einer gefügten und vor allem differenzierenden Schreibung. Ob ich etwas richtig stelle oder richtigstelle, diesen Unterschied muss man schriftlich ausdrücken können.

Wieso werden bei Entscheidungen über eine Schreibreform Dichter nicht erhört?

Fragen Sie die Kultusminister, ich weiß es nicht.

Wenigstens haben Sie die Freiheit, in derselben Sprache zu dichten wie bisher.

Einige müssen an der bis 1996 gültigen Schreibung festhalten, sonst gibt es eines Tages nichts mehr, woran man sich orientieren kann.

Kennen Sie schon das Programm der Preisverleihung? Die Musikerbrüder Matthias und Michael von Hintzenstern wollen in der Weimarer Jakobskirche eine Eigenkomposition "Hommage à Reiner Kunze" aufführen.

Das habe ich gerade gelesen.

Neugierig?

Aber ja!

Das wird sicher etwas Modernes.

Wenn es Musik ist, habe ich nichts dagegen.

! Sonnabend, 16 Uhr, Jakobskirche in Weimar