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14.11.2006

'Meine Haut ist mir zu eng'

von Ilona Berger Ostthüringer Zeitung

Ben Becker liest Kinskis "Fieber - Tagebuch eines Aussätzigen" im Volkshaus Jena

Von OTZ-Redakteurin Ilona Berger Er war gierig auf das Leben und wollte dennoch sterben. Er verabscheute die Menschen, um sie im nächsten Augenblick zu lieben. Klaus Kinski - das Enfant terrible. Erst ein Vierteljahrhundert alt schrieb der Schauspieler Gedichte, die von seiner Zerrissenheit erzählen, von der Besessenheit nach Irdischem, von seiner Verletzlichkeit und dem Bösen, das in ihm wohnt. 2001 sind die Texte unter dem Titel "Fieber - Tagebuch eines Aussätzigen" erschienen. Im Oktober wäre Kinski 80 geworden.
Mal unberührt und verdorben, mal schön und hässlich, mal irr und göttlich interpretiert Ben Becker ("Comedian Harmonists", "Schlafes Bruder") die wuchtige , deftige Lyrik. Der Schauspieler macht es den Zuschauern am Sonntagabend nicht leicht, wenn er ins Mikrofon schreit "Ich habe das Fieber der ganzen Welt in den Augen" oder "Ich schwamm wie Rotze auf der Lauge". Wie ein Wahnsinniger sitzt er auf einem Stuhl, hält sich am kleinen Lesetisch fest, und entlädt den kleinen und großen Weltschmerz: lüstern und liturgisch, manchmal mit einem teuflischen Lächeln. Becker röchelt, haucht, wimmert und regt sich auf. Wortkaskaden stürzen tosend ins Publikum. Seine Stimme, so facettenreich wie die Rollen eines guten Schauspielers, durchbricht die ohrenbetäubenden Musikklänge der Mini-Band. Wenn Becker seinen Körper windet, scheint er manchmal zerbersten zu wollen wie Kinski, als er schrieb: "Meine Haut ist mir zu eng." Zwischen dem toten Dichter und dem lebenden Spieler ist keine Distanz zu spüren. Das erschreckt, fasziniert, zieht an. Nach 60 Minuten der Abschied: "Ich muss weg von hier". Becker geht, kommt wieder mit einer Flasche Wodka. Es ist die letzte Kinski-Lesung in diesem Jahr.