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15.03.2003

Manchmal lässt mich der Berg nicht schlafen

von Frank Quilitzsch TLZ

Eigentlich müssten wir unser Gespräch auf dem Weg zum Ettersberg führen. Welche Route, Herr Kirsten, würden Sie wählen? Da gäbe es für mich nur eine Möglichkeit: die uralte Kastanienallee, die hinterm ehemaligen Volksgut Lützendorf auf den Berg hinauf führt. Dort sind noch Kastanienbaumrudimente zu erblicken, so dass man die Strecke nachgehen kann. Sie ist aber noch mehr geprägt von den Panzerfahrten der sowjetischen Streitkräfte, die das Gelände bis 1992 "bearbeitet" und für neue Erhebungen und Senken gesorgt haben.

Sie leben seit fast 40 Jahren in Weimar, immer mit dem Berg vor Augen. Wie oft haben Sie schon versucht, sich ihm zu nähern? Zunächst habe ich den Ettersberg als Radfahrer erkundet, indem ich mit meinen Söhnen oder mit anderen um ihn herum gefahren bin. Es war schon eine Art von physischer Besitznahme, aber ich wusste immer, dass der Berg auch etwas Unheimliches hat. Man durfte nicht auf das militärische Gelände vordringen, das weitaus die größte Fläche einnimmt. Und was das ehemalige Lagergelände betrifft, so kannte ich früher auch nur das, was die Touristen sehen. Etwas mehr hatte ich mich schon auf den Steinbruch eingelassen, weil er mir die stärksten Spannungen zwischen Natur und Geschichte vermittelt. Allerdings muss man wissen, was dort im Gelände passiert ist, sonst sieht man es als einen lieblichen Ort.

Um den Text zu Harald Wenzel-Orfs Fotoband zu schreiben, sind Sie dann zu Fuß aufgebrochen. Was hat Sie stärker geleitet - die Neugier oder die Erfahrung "Man sieht nur, was man weiß"? Die Idee, diesen Berg zu erfassen, zunächst fotografisch, hatte Harald Wenzel-Orf, der auch schon lange in Weimar lebt und eng mit der Stadt verbunden ist. Er hat seit dem Beginn der 90er Jahre ganz allein versucht, die Geschichtsspuren des Berges aufzunehmen. Vor allem in jenem Gelände, wo sich jahrzehntelang Militär befunden hat - erst die Deutschen, dann ganz kurze Zeit die US-Army und schließlich sehr lange Zeit die Panzergarnison der Sowjetarmee. Harald Wenzel-Orf hat mich dazu gebracht, dass ich ab 1999 an seinen Exkursionen teilgenommen habe und mit ihm in den verfallenen Kasernen herum gekrochen bin. Ich habe nach diesen Ausflügen, Exkursionen, Erkundungsgängen Protokolle geschrieben, die ich später bearbeitet habe.

In gewisser Weise war Wenzel-Orf Ihr Bergführer. Ja, er hat mir den Berg gezeigt, den ich noch nicht kannte. Und je öfter ich auf dieses unbekannte Terrain vorgedrungen bin, um so stärker hatte ich den Eindruck, dass der Berg Geheimnisse birgt, die er nicht preisgibt. Obwohl er zum Greifen nah ist - ich sehe ihn täglich von meinem Fenster aus -, wirft er immer wieder neue Fragen auf, sowohl was die KZ-Zeit als auch was die Speziallager-Zeit betrifft. Da wird man nie zu einem Ende kommen. Ich habe eine Menge erfahren und habe auch manche Lektüre in meinen Text eingebracht. Sehen ist kein Kunststück, man muss auch etwas darüber wissen. Sonst ist das weiter nichts als ein Stück Natur mit ein paar Betonfundamenten und verbogenen Eisenteilen, die man nicht deuten kann.

Für einen Ortsunkundigen ist der Ettersberg synonym mit dem Konzentrationslager Buchenwald. Sie haben aber mit Wenzel-Orf kein Buch über das ehemalige Lager gemacht, sondern über den Berg über der Stadt. Gewissermaßen gehen Sie "archäologisch" vor, indem Sie versuchen, die Zeitschichten des Berges abzutragen ... Da hatte ich andere Möglichkeiten. Der Fotograf konnte schwerlich zeigen, wie Goethe auf den Ettersberg gefahren ist. Relikte von jenen Wegen gibt es allerdings noch, die erwähnte Kastanienallee zum Beispiel. Wir waren bemüht, den ganzen Berg einzubeziehen, der noch nie komplex in Form einer Monografie vorgestellt worden ist. Das hat die Sache erschwert, aber zugleich bestand darin auch ein starker Impuls: Neuland zu betreten.

Wo begann die Spurenlese des Autors? Ich musste mich von dem Wege-Konzept, das der Fotograf verfolgte, absetzen und habe mich auf die historischen Schichtungen konzentriert, um zu zeigen, was sich da an Geschichtsformationen auf dem Berg angereichert hat. Manches ist schon gar nicht mehr aufzutröseln. Das hat auch damit zu tun, dass man nach 1950 tunlichst darauf bedacht war, die Spuren der Speziallager-Zeit zu vertuschen. Man konnte oder wollte diesen Aspekt nicht in die Geschichtsaufarbeitung einbeziehen. Deswegen sind in erster Linie die Baracken alle abgebrochen worden, deswegen wurde die Buchenwaldbahn zurück gebaut. Vermutlich aber auch deshalb, da sie eine technische Fehlplanung und sehr störanfällig war.

Aus verschiedenen Quellen ist bekannt, wie eng die Weimarer mit ihrem "Hausberg" verbunden waren. Der Berg lud zum Wandern, zur Jagd und zu Spazierfahrten ein. Selbst in der Nazizeit gab es einen engen wirtschaftlichen Austausch zwischen Weimar und dem KZ Buchenwald. Als lustvolles Ausflugsziel wie zu Goethes Zeiten wird sich der Ettersberg nie wieder anbieten. Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen der Stadt und ihrem Berg heute? Es fällt den Weimarern schwer, den Berg in seiner Totalität anzunehmen. Für viele ist er noch stärker ein Fremdköper als für mich. Der Ettersberg ist auf alle Fälle eine Last für diese Stadt. Aber sie muss diese Last tragen. Auch wenn man keine Schuldgefühle haben muss, bleibt um so zwingender die Verantwortung der nachfolgenden Generationen. Übrigens ist das Lagergelände seit dem 1. April 1938 Stadtteil von Weimar. Die SS hat es gegen alle bürokratischen Hindernisse geschafft, das Gelände einzufluren. Im Eilverfahren wurde dieses Terrain zu Weimar geschlagen, damit die Offiziere und Mannschaften einen höheren Ortstarif bekamen. Sonst wäre das Konzentrationslager zum Dorf Hottelstedt gekommen, was ja viel näher liegt.

Der Berg, heißt es in Ihrem Text, gibt seine Geheimnisse nur schwerlich preis. Es macht Arbeit, sich mit ihm zu beschäftigen. Und wenn man sich auf ihn einlässt und Häftlingsberichte hintereinander liest - so ging es mir schon beim Buchenwald-Lesebuch, das ich mit meinem Sohn gemacht habe -, kann man nachts nicht mehr schlafen. Die Historiker der Gedenkstätten Buchenwald haben seit 1990 zügig aufgearbeitet. Es gibt hervorragende Kataloge und Begleitbücher zu den Ausstellungen - was etwa Harry Stein und Bodo Ritscher leisten, ist beispielhaft. Aber selbst sie wissen auch nicht alles. Es wird weiterhin geforscht, um dunkle Stellen aufzuhellen.

Was verschwunden ist, kann man schwerlich wieder erschaffen. Da wär ich auch dagegen, dass man zerstörte Geschichte, wie etwa die abgetragenen SS-Kasernen, wieder aufbaut.

Aber man kann Schneisen schlagen zur Vergangenheit. Das ist ja gemacht worden. Zum Beispiel hat man den ehemaligen Bahnhof auf etwa hundert Metern freigelegt. Auch den Grundriss einer Krankenbaracke. Was da im einzelnen noch unterm Schutt verborgen ist, weiß ich nicht. Man sieht an den Rändern des Steinbruchs noch die Trümmerbrocken der ehemaligen SS-Kasernen und dazwischen Utensilien, die sich darin befunden hatten, wie Reste von Einrichtungsgegenständen und zerscherbtes Geschirr. Als die Gebäude nach der Befreiung abgerissen wurden, ist das alles den Hang hinunter gerollt - Geschichtsbrocken.

Was soll aus dem ehemaligen Militärgelände werden? In einigen Jahren werden die Bergungsdienste das Gelände durchgekämmt und von scharfer Munition bereinigt haben. Es gibt da eine größere Obstplantage, auf die bei dem Angriff auf die Rüstungswerke sehr viele Bomben gefallen sind. In diese Bombentrichter haben wiederum die Russen Munition geworfen. Wenn das alles beseitigt ist, muss das gesamte ehemalige militärische Gelände Naturschutzgebiet werden. Noch stößt man überall auf Warnschilder "Betreten verboten". Aber es gibt auch Wege, die man benutzen und mit dem Rad befahren kann.

Naturbetrachtungen spielen bei Ihnen als Lyriker eine besondere Rolle ... Ja, gut, aber das wäre bei einem Förster oder Ökologen vielleicht auch der Fall.

Der das Revier durchwandernde Poet hat einen anderen Blick. Mich interessiert, wie die Natur die Geschichte zuzudecken versucht, was ihr zum Teil auch schon gelungen ist. Sie wuchert brachial. Nicht nur im Gelände des ehemaligen Wirtschaftshofes, auch im Steinbruch. Dort kann man sehen, wie die Erdmassen heruntergerutscht sind und eine schiefe Ebene bilden, so dass man sich die steilen Hänge, an denen die Häftlinge hingen, um Steine zu brechen, denken muss. Die Natur lässt sich nicht aufhalten. Das wäre Historizismus, wenn man glaubte, man könne das alles auf dem Punkt halten. Das Lager war in die Landschaft hinein gesetzt. Man kann der Natur zu Leibe rücken, indem man Bäume fällt und Wälder ausholzt. Die Natur holt sich trotzdem ihr Recht. Das muss man respektieren.

Sie waren mehrmals in Begleitung des Fotografen unterwegs. Was schätzen Sie besonders an seiner Art der Betrachtung? Die Ausdauer. Harald Wenzel-Orf ist zehn Jahre lang mit der Kamera auf dem Berg unterwegs gewesen. Er hat oft nicht das richtige Licht gehabt, das er brauchte. Und so ist er immer wieder hinauf - im Sommer, im Winter, zu allen Jahreszeiten, bei allen Wettern -, um das Bestmögliche für seine Fotos herauszuholen. Die Ergebnisse beweisen, dass sich die Mühe gelohnt hat.

Sie haben eigene Gedichte über den Ettersberg in den Band aufgenommen. Eines endet mit der Frage: "Wo bleibt die reine Poesie?" Die ist auf dem Berg für mich nicht zu finden. Dort wuchert die Geschichte, im Guten wie im Bösen, wobei letzteres weit schwerer wiegt und nie mehr abzutragen sein wird.

ZUR SACHE

Auf dem Ettersberg nördlich von Weimar hat sich deutsche Geschichte in extremen Konstellationen eingegraben. Hier Herzogin Anna Amalias Musenhof, wo Goethe seine "Iphigenie" aufführte, dort das Konzentrationslager Buchenwald, in dem Zehntausende Häftlinge starben. Dem Spannungsfeld zwischen Humanismus und Barbarei haben sich der Fotograf Harald Wenzel-Orf und der Schriftsteller Wulf Kirsten gestellt. Sie erkundeten mehrfach das Terrain und bezogen sowohl den verfallenden Steinbruch, in dem KZ-Insassen mit Arbeit vernichtet wurden, als auch das Speziallager II der sowjetischen Besatzer und das ehemalige Gelände der Panzergarnison der Roten Armee mit ein. Ob Legende von der Goethe-Eiche oder Buchenwaldbahn - nur in Gegensätzen lässt sich jener "Geist von Weimar" erschließen, der den Berg über der Stadt zu einer Last macht, die auch von nachfolgenden Generationen getragen werden muss.

Von Harald Wenzel-Orf, Jahrgang 1944, sind die Fotobücher "Der steinerne Gast. Goethe unterwegs in Weimarer Wohnzimmern" (Glaux Verlag, Jena) und "Mit hundert war ich noch jung. Die ältesten Deutschen" (Econ Verlag, München) erschienen.

Wulf Kirsten, geboren 1934, ist Träger des Weimar-Preises und anderer literarischer Auszeichnungen. Zuletzt erschienen von ihm im Ammann-Verlag, Zürich, der Gedichtband "Stimmenschotter" und der Erzählungsband "Die Prinzessinnen im Krautgarten".

i Harald Wenzel-Orf / Wulf Kirsten: Der Berg über der Stadt - Zwischen Goethe und Buchenwald. Mit einem Vorwort von Bernhard Vogel. Ammann-Verlag, Zürich, 160 S., 110 S/W-Fotos, 32.90 Euro.

Buchpremiere: 20. März, 17 Uhr, auf der Leipziger Buchmesse; 12. April, 16 Uhr, Intercity-Hotel Weimar