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21.05.2012

"Manchmal eine grüne Erdbeere": Lesung über blinde Gärtnerin

von Peter Cissek OTZ

Hausherrin Alexe von Wurmb (links) führt interessierte Besucher durch ihren Garten. Zum gestrigen Tag der offenen Gärten gab es anschließend im Park des Schlosses in Lausnitz eine Lesung mit der Schriftstellerin Ulla Lachauer über das Leben der blinden Gärtnerin Magdalena Eglin. Foto: Peter Cissek

Die Buchautorin Ulla Lachauer erhält Zustimmung nach ihrer Lesung im Schlosspark Lausnitz: Rita Müller, eine Blinde aus dem Ort, erzählte von ihren Erfahrungen mit der Gartenarbeit: "Manchmal greife ich mir eine grüne Erdbeere".

"Es ist ein wunderschöner Ort, um aus diesem Buch zu lesen", schloss die Stuttgarter Schriftstellerin Ulla Lachauer gestern Nachmittag den Kreis zwischen ihrem Thema und dem Auftrittsort. Denn die seinerzeit geführten Gespräche mit der blinden Gärtnerin Magdalena Eglin, die Grundlage für das 2011 im Rowohlt-Verlag erschienene Buch "Magdalenas Blau" waren, fanden über einen Zeitraum von einem Jahr meist im Garten statt. "Ich habe mir dabei immer wieder vorzustellen versucht, wie das ist, wenn man in der Natur ist und nichts sieht", sagte die Autorin zu den knapp 60 Zuhörern gestern Nachmittag im Park des Schlosses Lausnitz. Die 1933 geborene Heldin der Buchgeschichte leidet an angeborenem grauen Star. Mit vier Jahren kennt Magdalena Eglin, so das Pseudonym der blinden Lokaljournalistin Veronika Zimmermann, viele verschiedene Blaufarbtöne. Ihr Großvater, ein Malermeister, lässt sie in seine Farbtöpfe gucken und lehrt sie, ihre von Geburt an schwachen Augen gut zu nutzen. Das im Laufe des Jahres 1945 völlig erblindete Mädchen wird eine begeisterte Gärtnerin. Die Buchautorin, Jahrgang 1951, die auch als Journalistin und Dokumentarfilmerin tätig ist, erzählte witzig und poetisch vom Leben der Außenseiterin Magdalena Eglin. Sie wollte kein Behindertenbuch schreiben, sondern über eine Frau, die andere Sinne geschärft hat und sich auszudrücken weiß. Wenn sie nach gemeinsamen Auftritten Blumensträuße überreicht bekommen, könne Magdalena Eglin die Blumensorte ertasten, sagte Ulla Lachauer. Zustimmung erhielt die Autorin nach der Lesung unter anderem von Rita Müller aus Lausnitz, einer so genannten Kriegsblinden, die im Alter von sechs Jahren ihr Augenlicht verlor: "Über Blinde wird oftmals wunderlich gesprochen. Ich bin selbst blind und arbeite mit meiner Nichte Hand in Hand im Garten. Mit anderen Leuten funktioniert das nicht. Manchmal greife ich mir eine grüne Erdbeere oder ins Unkraut. Das passiert halt", erzählte Rita Müller von ihren Erfahrungen.Die vom Verein Lese-Zeichen veranstaltete Gartenlesung mit Ulla Lachauer fand aus Anlass der Thüringer Literatur- und Autorentage und des Tages der offenen Gärten statt. Zuvor hatte Hausherrin Alexe Von Wurmb zahlreichen Besuchern ihren Garten gezeigt. Die passionierte Gärtnerin pflegt den Barockpark, den einst ihr Ur-Ur-Urgroßvater mit seltenen Bäumen bepflanzte. Der Park wurde um 1750 von einem Landschaftsarchitekten, der auch für die preußische Königstochter Wilhelmine von Bayreuth" tätig war, in Terrassen angelegt. "Ich freue mich jeden Tag aufs Neue über den schönen alten Baumbestand", schwärmte die Gutsbesitzerin. Alexe Von Wurmb hat vor fünf Jahren 23 junge Linden nachgepflanzt. Auf der Streuobstwiese, auf der sich einst Schrebergärten befanden, nutzte sie den Platz für mehrere alte Sorten von Obstbäumen. Die Besucher interessierte vor allem die Geschichte des einstigen Rittergutes, das bis zur Enteignung 1945 rund 200 Jahre lang im Besitz ihrer Familie war. Alexes inzwischen verstorbener Vater Lothar Von Wurmb kaufte die verfallene Immobilie nach der politischen Wende zurück. Frau von Wurmb hat 2001 die Baugenehmigung erhalten, das marode Herrenhaus um die Hälfte auf die historische Fläche von 400 Quadratmeter zurückbauen und sanieren zu dürfen. Bis 2007 hat sie dann das Gebäude von innen komplett neu aufbauen lassen.