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06.03.2010

"Mama, ich weine doch schon"

von bpr Ostthüringer Zeitung

Es muss ein einschneidendes Erlebnis gewesen sein: Nach dem Tod ihrer Mutter findet Marie-Elisabeth Lüdde zwei Tagebücher und es stellt sich heraus, dass ihre Eltern über die ersten Lebensjahre von ihr, Lissi, und dem älteren Bruder Michi Buch geführt haben.

Aber es handelt sich nicht um gefühlvolle, zärtliche Erinnerungen an das Wachsen und Gedeihen der geliebten Sprösslinge, sondern um erschütternde, quälende Einblicke in den Alltag einer Familie in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Aus diesen Aufzeichnungen und aus einigen hinterlassenen Tonbandaufnahmen entstand das 92-seitige Buch "Vati und Mutti", in dem Lüdde ihre Lebens- und Leidensgeschichte und die Geschichte ihrer Eltern verarbeitet.

Am Donnerstagabend war die 58-jährige Autorin auf Burg Ranis beim Lese-Zeichen zu Gast und trug vor 30 Hörern bewegende Abschnitte aus ihrem Buch vor, das im vergangenen Jahr in der Edition Muschelkalk des Wartburg Verlages Weimar erschien. Über tiefe Depressionen, unbeherrschte Gewalt und verhasste Kriegsspiele las sie; über den kranken Michi, der auf seinem Töpfchen sitzend stundenlang am Tischbein angebunden war; über Lissi, die im Alter von 18 Monaten mit den Worten "Mama, ich weine doch schon" ihre Mutter davon abhalten wollte, sie zu verprügeln.

Es war aber kein Vorwurf, keine Anklage gegen die Eltern zu hören. Vielmehr lenkte Lüdde den Blick auf die Vorgeschichte. Auf die Grausamkeiten des Krieges, den "Vati" mehrere Jahre als Offizier an der Ostfront und "Mutti" als Zwangsarbeiterin in Polen erlebte. Schwer traumatisiert, waren beide nicht mehr imstande, ein normales Leben zu führen. "Dieser Krieg war für sie nicht 1945 vorbei, sondern er endete erst mit ihrem Tod", stellte Lüdde fest.

Ihre Eltern stehen damit stellvertretend für eine ganze Generation. Dies zeigte sich auch in der von der Autorin angeregten Diskussion im Anschluss an die etwa einstündige Lesung. Jürgen Gottstein aus Pößneck, der wie Lüdde 1951 geboren wurde, musste glücklicherweise keine Gewalt erleiden, aber auch er wusste zu berichten, dass viele das Kriegstrauma durch Arbeit erfolgreich verdrängt, aber nicht aufgearbeitet haben.

Wohl an keinem der Zuhörer wird der berührende Abend spurlos vorbei gegangen sein.