Presse - Details

 
25.10.2003

Maler-Poet: Armin Müller wird 75 Jahre alt

von Frank Quilitzsch TLZ

"Man kommt und geht nicht", hat jemand ins Gästebuch zu Armin Müllers Geburtstags-Ausstellung im Bad Berkaer Coudrayhaus geschrieben. Wie wahr! Seit einer Stunde stehen wir im Saal, betrachten die im Karree gehängten Bilder, und dem Maler-Poeten fällt immer wieder eine Geschichte dazu ein.

Am längsten verweilen wir vor der "Friedenskirche zu Schweidnitz", einem Ölgemälde von 1978, dem ältesten der Schau. "Meine Eltern, die Geschwister und ich wohnten in einer engen Bleibe nur wenige Meter von der Kirche entfernt", erzählt der 75-jährige Armin Müller. "Ich sehe noch die Bank, auf der ich, ein neunjähriger Knirps, die Trauerfeier für meinen Vater erlebte. Und es war in den siebziger Jahren, als beim Besuch meiner Heimatstadt der Organist für meine Frau und mich dort ein kleines Sonderkonzert gab. Alle diese Erinnerungen sind auf ihre eigene Weise in das Bild von der verschneiten Kirche eingegangen."

Armin Müller hat das Gotteshaus, wie die meisten seiner Motive, in seinem Weimarer Atelier gemalt. Damals, als es ihm schwer fiel, die polnische Geburtsstadt Swidnica zu besuchen. Inzwischen wurde die Friedenskirche ins Weltkulturerbe aufgenommen, ihre Fassade strahlt wieder weiß, das Fachwerk hebt sich dunkel ab. Und der malende Schriftsteller Armin Müller wurde dieser Tage offiziell zum "Botschafter von Swidnica" ernannt.

Geprägt durch Flucht und Heimatsuche

Hinter ihm liegt ein langer Weg der Aufarbeitung, Annäherung und Versöhnung. Am 25. Oktober 1928 im niederschlesischen Schweidnitz geboren, wurde Armin Müller nach Kriegsende als 17-Jähriger nach Thüringen verschlagen und kam über Eisenach nach Weimar, wo er seit 1946 lebt. 1949, vor 54 Jahren, legte er seinen ersten Gedichtband vor: "Hallo, Bruder aus Krakau" war bereits ein poetischer Brückenschlag nach Osten. Der junge Poet verfasste damals vor allem Jugendlieder, es herrschte Aufbruchsstimmung, die schrecklichen Erfahrungen des Krieges und der Kriegsfolgen sollten möglichst rasch abgeworfen werden. So schleppte der Autor, der später so wunderbare Bücher schreiben würde wie "Meine verschiedenen Leben" (1978), "Der Magdalenenbaum" (1979) oder "Taube aus Papier" (1981), jahrzehntelang eine seelische Last mit sich herum: die Erinnerung an die Vertreibung aus der schlesischen Heimat.

Das Motiv klingt immer wieder an, doch die Vertreibung aus Polen war lange Zeit kein öffentliches Thema in der DDR. In Müllers Gedichtband "Reise nach S." aus dem Jahr 1965 ist schließlich vom Schmerz des Heimatverlustes die Rede. Das S. im Titel steht für Swidnica, aber auch für Schlesien. Die Prägung durch Flucht und Vertreibung wird am deutlichsten in Armin Müllers 1986 im Greifenverlag zu Rudolstadt erschienenen Roman "Der Puppenkönig und ich", der 1997 neu aufgelegt und mit dem Eichendorff-Literatur-Preis ausgezeichnet worden ist.

In seinen Gedichten und Geschichten ist Armin Müller auf der Suche - nach Heimat, Geborgenheit, Menschlichkeit, nach der Kindheit, nach verlorenen Idealen. Und auch in seinen wunderbar "naiven" Bildern mischen sich Gegenwart und Erinnerung mit Traum. Da schlüpfen weiße Tauben aus einer zerbrochenen Violine, schwebt ein Kinderpaar hoch über den Wolken und zerbricht ein Regenbogen am Himmel. "Die Drachenflüge der Kindheit kehren wieder", heißt es in Armin Müllers Gedicht "Das alte Schweidnitz". Und tatsächlich, da sind sie, die Fluggeräte aus Leisten und Papier, und da hängt jemand an der Schnur und fliegt in die Ferne, einem ersehnten Ziel entgegen.

Immer wieder hat der Dichter Ansichten seiner schlesischen Heimat gemalt - den Friedhof, das Riesengebirge, den "Schlesischen Abend". Malen ist für den Poeten, dem aus gesundheitlichen Gründen das Schreiben immer schwerer fällt, "wie ein Schweben über den harten Konturen der Wirklichkeit". Seine Bilder wurden nicht nur in zahlreichen Ausstellungen gezeigt, sie sind auch in zwei Bildbänden zu bewundern. 2004 wird es in Swidnica/Schweidnitz die erste Präsentation von Bildern des Ehrenbürgers Armin Müller geben. Von der Heimat kommt man nicht los - erst recht nicht, wenn man sie verloren hat. Doch der Schriftsteller und Maler Armin Müller hat sich nie über sein Schicksal beklagt, ist nie der Selbstgerechtigkeit anheimgefallen, stets hat er, sein Thema literarisch objektivierend, die Historie und die Schuld der Vätergeneration mitgedacht. Wenn er die Kraft dafür findet, will er noch seine Lebenserinnerungen für die Enkel zu Papier bringen.

Bilder, die niemand fotografieren kann

Apropos Papier, Armin Müller gehört zu jener Minderheit von Leuten, die im 21. Jahrhundert noch mit Füller und Tinte schreibt. Erst in einem zweiten Schritt überträgt er den Text auf die Festplatte seines Computers. "Selbst Briefe, die ich früher mit der Schreibmaschine getippt habe, schreibe ich heute mit der Hand. Das ist persönlicher, direkter, intimer", bekennt der Autor.

Als zweiten Einschnitt in sein Leben nennt Armin Müller den Zusammenbruch seiner Ideale. Für ihn, der als Jugendlicher noch von den faschistischen Landsleuten in den "Volkssturm" getrieben worden war und der nach dem Krieg hatte mithelfen wollen, eine neue, gerechtere Gesellschaftsordnung zu errichten, wurde der Missbrauch der sozialistischen Idee zur bittersten Enttäuschung seines Lebens. Die Vorgänge im vereinigten Deutschland betrachtet er mit einer gewissen Distanz. Schaut man auf die seit den 90er Jahren gemalten Bilder, glaubt man des Malers Ringen zwischen Hoffnung und Resignation zu spüren. Alter und die schwere Krankheit bestimmen die Themen- und Motivwahl mit. "Nach dem Sturm", "Das Spiel ist aus", "Der Stürzende", "Pegasus flieht aus den brennenden Bergen", "Trügerische Hoffnung" oder "Die fernen Gipfel" sind einige der Werke betitelt. Der in die Jahre gekommene "Phantast" harrt mit Sonnenblumen im Arm in vereister Landschaft aus. Doch gibt es auch noch Zeichen und Wunder - zum Beispiel Bilder wie "Das Gedicht" oder das "Lied, das nicht stirbt".

Nur mit Hilfe der Poesie findet Armin Müller Antwort auf die Fragen: Wer bin ich? Woher komme ich? "Wenn ich an die Landschaft meiner Kindheit denke", erzählt er, "sehe ich nicht nur die vertrauten Silhouetten, Anblicke, die mich nicht verlassen werden, dann sehe ich auch Bilder, wie sie niemand fotografieren kann: Planwagen, die auf eine Furt zurollen, Spieße und Landknechtstrommeln, den Trauerzug hinterm Sarg des Vaters, die Wälder der Vergangenheit."

i Zu Armin Müllers 75. Geburtstag sind der Band "Meine schlesischen Gedichte" (Bergstadtverlag Wilhelm Gottlieb Korn, Würzburg) und die zweisprachige Publikation "Der Vogel Traum" mit Gedichten Armin Müllers und italienischen Nachdichtungen von Giancarlo Mariani (herausgegeben vom Freundeskreis Schloss Kromsdorf und der Deutsch-italenischen Gesellschaft Thüringen) erschienen.

Im Coudrayhaus Bad Berka wird bis 2. November unter dem Titel "Lied, das nicht stirbt" eine Ausstellung mit Malerei Armin Müllers gezeigt. Am 25. Oktober, 10 Uhr, findet dort die Geburtstagsmatinee statt.

Am 4. November, 20 Uhr, heißt es in der Thalia-Buchhandlung Weimar (Schillerstraße 21/22) "Thüringer Autoren lesen Armin Müller": Wolfgang Held, Annerose Kirchner, Wulf Kirsten, Gisela Kraft und York Sauerbier stellen Texte des Jubilars vor. TLZ-Redakteur Frank Quilitzsch moderiert.