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11.01.2010

Magere, nervöse Hände

von Frank Quilitzsch TLZ

"Harte amerikanische Schreibweise": Der viel bewunderte und schwer gescholtene Schriftsteller Siegfried Pitschmann (1930-2002) lebte nach der Wende in Suhl. Foto: tlz/Quilitzsch

Weimar/Suhl. (tlz) Seine bescheidene Zweizimmerwohnung wirkte aufgeräumt, an der Wand tickten drei Kuckucksuhren, auf dem Tisch harrte, sorgfältig zu kleinen Häufchen gestapelt, die zu erledigende Post. "Mein wohlgeordnetes Chaos", nannte Siegfried Pitschmann das verlegen lächelnd. Während wir miteinander sprachen, ging sein Blick manchmal zu jener Tür, hinter der auf einem Tisch seine Schreibmaschine stand, auf der er mit der Präzision des gelernten Uhrmachers seine meisterlichen Kurzgeschichten getippt hatte. Einmal hat er mir die Tür geöffnet. Auch sein Schreibtisch war akkurat aufgeräumt, und in der Maschine war ein leeres Blatt eingespannt.

Die Schreibblockade, unter der Pitschmann in seinen letzten Lebensjahren litt und die ihre Ursache unter anderem in schlimmen Erfahrungen mit der DDR-Kulturpolitik hatte, belastete alle, die ihn kannten. Doch wurde sie kompensiert durch seinen unermüdlichen Drang zu erzählen. Davon, wie die Familie kurz vor Kriegsende aus Schlesien nach Thüringen floh. Wie er in Mühlhausen erste Gedichte in Rilke-Manier verfasste und mit einem Romanprojekt zu den "jungen Autoren" in Weimar stieß. Wie ihm Anna Seghers den 2. Preis in einem Jugend-Literaturwettbewerb überreichte. Wie er die junge, attraktive und temperamentvolle Brigitte Reimann auf die Großbaustelle lockte.

Geschichten im Stile Hemingways

Diese Geschichten haben alle, die sie hörten, fasziniert. Und zusammen mit seinen in den sechziger und siebziger Jahren veröffentlichten Prosabänden bilden sie das Oeuvre des Schriftstellers, der mir als ein vornehmer und herzlich aufgeschlossener Kollege in Erinnerung geblieben ist. Ein "schöner Mensch mit bezaubernd schönen Augen und mageren, nervösen Händen", hatte seine Frau und Schriftstellerkollegin Brigitte Reimann geschwärmt. Heute wäre der vor acht Jahren in Suhl verstorbene Erzähler, Hörspielautor und Dramatiker Pitschmann 80 Jahre alt geworden.

Wie würdigt man einen Autor, der in seinen Kurzgeschichten in der Manier eines Hemingway die raue Wirklichkeit der deutschen Nachkriegszeit verarbeitete, der mit der Reimann die Aufbaujahre auf der Industriegroßbaustelle Schwarze Pumpe begleitet hat und fast daran zerbrochen war, dass man sein noch im Entstehen begriffenes Romanmanuskript im Zuge des 11. Plenums auf dem Altar des sozialistischen Realismus geschlachtet hatte? Wegen der "harten amerikanischen Schreibweise", wie es lakonisch hieß, in Wahrheit wegen der illusionslos geschilderten real existierenden Widersprüche. Die Folge: Selbstzweifel an seinem Talent und ein Suizidversuch.

Am besten erinnere man an Pitschmann mit einer Tagung, befand der Literaturwissenschaftler und Publizist Kai Agthe und holte eine Reihe von Kollegen und als Veranstalter die Literarische Gesellschaft Thüringen, deren Mitglied der Jubilar bis zuletzt war, mit ins Boot. Auch wenn aus dem im Literaturzentrum Neubrandenburg aufbewahrten Nachlass nichts Sensationelles mehr zu erwarten ist, lohnt sich doch die Beschäftigung mit seiner Biografie und seinem schmalen, doch sehr dichten Werk.

So werde man sich am 15. und 16. Januar mit den Spuren seiner alten Heimat - Pitschmann wurde im schlesischen Grünberg geboren - in der frühen Prosa beschäftigen, sagt Kai Agthe, der in ihm einen Autor sieht, der immer über Provinz geschrieben habe. Der Initiator der Tagung erinnert daran, wie sehr Pitschmann darunter gelitten hat, dass er mitunter nur als Ehemann der Reimann wahrgenommen wurde, deren rasante Biografie und spektakulärer literarischer Werdegang einen "Langsamschreiber" wie ihn in den Schatten stellten. In Hoyerswerda hat das Ehepaar nicht nur gemeinsam Hörspiele produziert, sondern oft auch die gleichen Stoffe in sehr unterschiedlicher Weise in ihren Texten verarbeitet, wie der Literaturwissenschaftler Martin Straub herausgefunden hat.

Der Theologin und Schriftstellerin Marie-Elisabeth Lüdde ist das ergreifende Erinnerungsbuch "Verlustanzeige" zu verdanken, für das der alte Pitschmann sein Leben Revue passieren ließ - mündlich, verpackt in eigenwillig erzählten Episoden - und das in zwei Auflagen in der Thüringen-Anthologie "Edition Muschelkalk" im Wartburg-Verlag erschienen ist. Wer den "vergessenen Autor" für sich entdecken möchte, sollte mit diesem Band beginnen. Er wird zwangsläufig neugierig werden auf Pitschmanns Prosa, den Briefwechsel mit Brigitte Reimann und vielleicht auch auf den Film "Leben mit Uwe", der nach einer Erzählung Pitschmanns entstand - zu sehen am Freitag, 20 Uhr, im Weimarer Kino "mon ami".

Noch einmal klappert seine alte "Erika"

Übrigens hat Siegfried Pitschmanns Schreibmaschine doch noch einmal munter geklappert. 1993 überwand er seine Schreibblockade, als er von der Laubag AG als Festredner ins ehemalige Kombinat Schwarze Pumpe eingeladen wurde. Für ein paar Stunden kehrte der Betonarbeiter und Schriftsteller an den Ort seines Aufbruchs zurück. Da flossen zehn Seiten Text aus seiner "Erika" - ein öffentliches Nachdenken über sein Leben in der DDR und die Zeit nach der Wende.

! Pitschmann-Tagung: 15./16. Januar, Eckermann-Buchhandlung Weimar; www. literarische-gesellschaft-thueringen.de

11.01.2010 Von Frank Quilitzsch