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19.11.2011

Märchensymposium würdigt die Erzählerin Jan Blake

von Frank Quilitzsch TLZ

Mit dem Verschwinden und Wiederentdecken von Märchen beschäftigt sich das diesjährige Märchensymposium am 25. November in Meiningen. Höhepunkt ist die Verleihung des Thüringer Märchen- und Sagenpreises an die jameikanisch-stämmige Erzählerin Jan Blake.

Meiningen/Jena. Diese Frau ist ein Phänomen: Auf der Bühne entfaltet sie die Präsenz der alten westafrikanischen Geschichtenerzähler, der fahrenden Dichter und Sänger. Sie ist Kosmopolitin, erzählt in mehreren Sprachen. Sie arbeitet gern mit Musikern zusammen. Mit Worten und Gesten überbrückt sie spielend die Kluft zwischen den Kulturen. "Ich bewerte die Geschichten nicht", sagt Jan Blake. "Ich bin das Medium. Ich lasse die Geschichten sich selbst erzählen."


Erstmals wird am kommenden Mittwoch im Rahmen des Märchensymposiums in Meiningen der Thüringer Märchen- und Sagenpreis "Ludwig Bechstein" international vergeben - an die in Manchester geborene Jan Blake, Tochter jamaikanischer Eltern. "Das Verstehen des Anderen, des Fremden, aber auch des Nächsten brauchen wir in der globalisierten Welt", heißt es zur Begründung. Jan Blake, die bei allen großen Erzähl-Festivals in England aufgetreten ist und zu den führenden Geschichtenerzählern Europas gehört, erzähle aus der Tradition heraus und gleichzeitig ganz dicht an den globalen Problemen. Sie wird in Meiningen, Jena und Weimar auch an Schulen auftreten. Der mit 2500 Euro dotierte Thüringer Märchenpreis wurde erstmals 2001 zum 200. Geburtstag des Dichters Ludwig Bechstein vergeben.


Das sechste von der Stadt Meiningen in Kooperation mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Bereich Volkskunde/Kulturgeschichte, veranstaltete Märchen-Symposium findet im Vorfeld des Jubiläumsjahres der Brüder Grimm 2012 statt: Vor 200 Jahren erschienen ihre Kinder- und Hausmärchen. Deren Erstauflage aus dem Jahre 1812 umfasst 86 Märchen, darunter Klassiker wie "Froschkönig", "Rotkäppchen", "Dornröschen" und "Schneewittchen".

Tagung in Ludwig Bechsteins Heimatstadt


Die Tagung in Bechsteins Heimatstadt widmet sich in diesem Jahr dem Verschwinden und Wiederentdecken von Märchen. So wirft etwa Professor Heinz Rölleke aus Wuppertal, einer der bekanntesten Grimm-Forscher, die Frage auf, warum eine stattliche Anzahl Grimmscher Märchen kaum bekannt oder heute völlig vergessen ist. Diese fänden sich in der Ausgabe letzter Hand der Kinder- und Hausmärchen von 1857, aber auch versteckt in den Märchen-Anmerkungen von 1856 sowie in vorhergehenden Ausgaben, von wo die Grimms sie nicht in die Folgeauflage übernommen hätten. Rölleke, der für seine Märchenforschung unter anderem mit dem Hessischen Staatspreis und dem Brüder-Grimm-Preis der Universität Marburg geehrt wurde, will in Meiningen signifikante Beispiele von "vergessenen" Märchen vorstellen und der Frage nachgehen, was zu ihrem Schicksal geführt hat.


Sabine Wienker-Piepho, Dozentin für Volkskunde an der Uni Jena, richtet den Blick voraus und fragt, ob die populären Märchen von heute die vergessenen von morgen sein könnten. Dabei skizziert sie, wie die Forschungswege bisher verlaufen sind und welche Tendenzen und Zukunftsperspektiven sich abzeichnen.


Kristin Wardetzky, 1993 bis 2007 Professorin an der Universität der Künste Berlin, schaut auf eine der Quell-Zeiten der Märchentradition, die Renaissance. Was haben Jakob und Wilhelm Grimm als Quelle genutzt? Sie hörten nicht nur ihren jungen Beiträgerinnen zu, was sie zu erzählen hatten, sondern vergruben sich auch in Geschichtensammlungen und anderen literarischen Zeugnissen des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Was sie dort fanden, entspreche oftmals nicht dem, was wir gemeinhin unter Märchen verstünden, konstatiert Kristin Wardetzky. Es seien vielfach Lach- und Scherzgeschichten, über die sie im Vortrag Auskunft geben werde.


In Arbeitsgruppen zum Papiertheater, zu verschwundenen und Menschenfresser-Märchen können sich Lehrer, Erzieher, Bibliothekare und alle interessierten Bürger von Geschichtenerzählern und Volkskundlern inspirieren lassen.


Jan Blake: Geschichten aus Afrika und der Karibik, 26.11., 19.30 Uhr, Schloss Elisabethenburg in Meiningen; 27.11., 16 Uhr, Rathausdiele in Jena, 29.11., 19 Uhr, Internationale Schule in Weimar