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23.10.2003

Lyrische Reise landeinwärts

von Andre Schinkel TLZ

Gisela Kraft präsentiert Gedichtband

Weimar. (tlz) Das Gedicht, auch heute, hat seine Zeit. Ganze elf Jahre sind seit dem letzten Lyrikbuch ?Keilschrift? vergangen, bis Gisela Kraft unter dem mehr als beziehungsreichen Titel "Matrix" einen neuen Gedichtband vorgelegt hat. In der Zwischenzeit hat die Autorin ihr breit angelegtes Werk vervollständigt, einen Roman, Erzählungen, Essays und Nachdichtungen publiziert; in der lyrischen Sparte, in der ein Teil ihres Hauptwerkes siedelt, aber weitgehend geschwiegen.

Auf der Suche nach dem Urgrund

Umso mehr vollzieht Gisela Kraft in "Matrix" eine Synthese der Töne und Motive ihrer frühen Gedichte und jener der "Keilschrift" , begibt sich erneut auf Reisen in einen erweiterten vorderen Orient, als der ihr als vorzügliche Kennerin der kulturellen Zusammenhänge auch der Mittelmeerraum erscheinen dürfte, gewissermaßen noch immer auf der Suche nach dem Urgrund, wie dies bereits der Buchtitel impliziert. Und zugleich befindet sich das lyrische Ich immer häufiger auf kürzeren und zunehmend inneren Reisen, die nur auf den ersten Blick als die kleineren Ausflüge erscheinen.
Mithin könnte man diese Richtungen der Ermittlung als entgegengesetzte Bewegungen auf ein und demselben Rondell begreifen, der Aufbruch ins Fremde und das zunehmende Erinnern an das Vertraute beschreiben ganz triftig die Gegenpole der kreativen Existenz: Fernweh und die Lust an der Rückkehr, Aspekte, die sich letztlich im Unendlichen treffen. Nicht nur von daher ist der Titel für den Band sicher gewählt, der keineswegs ein Hinweis auf etwelche kinematografische Großereignisse sein dürfte, sondern vielmehr Anzeige einer zuweilen lakonisch-existenziellen (?Mutter unser?), oft aber tief ernsten Besinnung auf das Mütterliche, Ursprüngliche, letztlich die Erde. Gepaart wird dies mit einigen Epitaphen und Reminiszenzen, einer Anzahl Gedichten mit autobiografischer Kontur und einem eindringlichen Traktat über die Hexenverfolgung im 17. Jahrhundert und ihre Nachwirkungen bis in die Gegenwart, die Zukunft sogar ("Akte Ballberg").
Mit einigen Topoi führt Gisela Kraft ihr Gespräch fort, am augenscheinlichsten ist aber der Gewinn eines Ortes für ihre Gedichte: Weimars, jener symbolhaften Stadt, die der Autorin seit der Kindheit vertraut ist und in der die gebürtige Berlinerin seit 1997 lebt. Erschienen ist "Matrix" in der Düsseldorfer Eremiten-Presse in gewohnt bibliophiler Gestaltung mit den Offsetlithografien Walter Sachs' sparsam treffend illustriert.

Gisela Kraft: Matrix.
Gedichte. Mit Illustrationen von Walter Sachs, Eremiten Presse, Düsseldorf, 84 Seiten, 19.50 Euro.
Buchpremiere: heute, 20 Uhr, Thalia-Buchhandlung in Weimar.