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16.08.2013

Lyriker Reiner Kunze feiert 80. Geburtstag

von Thomas Bickelhaupt Thüringer Allgemeine

Reiner Kunze im Alter von 75 Jahren bei der Verleihung des Thüringer Verdienstordens im Jahr 2008 in der Staatskanzlei in Erfurt. Foto: Armin Weigel/dpa

Greiz. Der mit vielen Preisen geehrte Autor lebte bis zu seiner Übersiedlung in Thüringen.

Das Taschenbuch mit den mittlerweile vergilbten Blättern zählt wenig mehr als 130 Seiten. In freien Rhythmen offenbart Reiner Kunze darauf seine unverwechselbare Sicht auf ganz alltägliche Dinge und Empfindungen. Er beschreibt den ersten Frühlingstag und die Brücken von Budapest, erinnert sich an seine Thüringer Wahlheimat Greiz und erzählt von böhmischen Nachbarn. Der "Brief mit blauem Siegel" machte Reiner Kunze, der am Freitag im bayerischen Obernzell sein 80. Lebensjahr vollendet, in der DDR zum Geheimtipp.

Vor allem junge Leser fanden ihre Lebenswelten wieder etwa in der Beschreibung eines Minirocks "Zwanzig zentimeter überm knie", unter dem "die luft der trottoire/vibriert vom geläut/der kurzen glocken". Oder in der Aufforderung "Jugend in den Pfarrgarten", die Kunze ironisch mit der biblischen Himmelfahrtsgeschichte verknüpft: Der "rauch der rostbratwürste" zeige immerhin den Weg.

Für den Verkaufserfolg machte die Stasi "die etwas sehr kolportierende Hetze westlicher Rundfunk- und Fernsehstationen" verantwortlich. Sie habe "im Grunde genommen Reklame für diesen Band gemacht", schrieb ein Spitzel in Kunzes Akte. Sie umfasst den Zeitraum von der Kritik des Autors an der Niederschlagung des Prager Frühlings bis zur Übersiedlung mit seiner Frau Elisabeth aus Thüringen nach Passau.

Die gesammelten Berichte, von Kunze in dem Band "Deckname Lyrik" dokumentiert, bieten eine gleichermaßen ernüchternde wie erschreckende Innenansicht der DDR. Dabei war Kunze ursprünglich alles andere als ein Dissident. Als Bergarbeitersohn in Oelsnitz im Erzgebirge geboren, studierte er von 1951 bis 1955 an der Fakultät für Journalistik in Leipzig.

Für seine frühen Gedichte war es ihm mit dem programmatischen Titel "Die Zukunft sitzt am Tische" durchaus ernst. Die Universitätslaufbahn des SED-Mitglieds Kunze endete jedoch 1959 kurz vor der Promotion wegen "konterrevolutionärer Verbindungen".

Es ging ihm nicht mehr um eine lichte sozialistische Zukunft im großen Kollektiv von "neuen Menschen", sondern um Texte, die Individualität betonten. "Sensible Wege", wie der 1969 im Westen veröffentlichte Gedichtband hieß, sollten ein Markenzeichen werden. Als 1976 im Westen die Prosa-Miniaturen "Die wunderbaren Jahre" über Kindheit und Jugend im DDR-System erschienen, wurde er aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen.

1976 beantragten Kunzes die Ausreise

Drei Jahre später erreichten die Geschichten aus Kunzes verfemtem Buch die ostdeutschen Wohnzimmer via Westfernsehen. Zu diesem Zeitpunkt lebten die Kunzes bereits in Bayern. Sie hatten nach dem Protest gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann 1976 selbst die Ausreise beantragt. Auch in der neuen Umgebung blieb Kunze genauer Beobachter und sensibler Chronist. Er wurde vielfach geehrt, darunter 1977 mit dem Georg-Büchner-Preis.

Kurz nach Übersiedlung hatte er erklärt, dass die Menschheit von Ländern wie dem, aus dem er gerade gekommen war, für die Zukunft nichts Positives zu erwarten habe. Daraus wurde der Vorwurf, er neige zu "eher rechts- denn linksliberalen Kreisen". Solche Mutmaßungen hat er zurückwiesen. "Rechtsliberal ist man nicht nur nicht, mit Rechtsliberalen sympathisiert man auch nicht", sagte er 2004 als Festredner zum Tag der deutschen Einheit in Erfurt.