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09.05.2017

Lutz Seiler gelingt Spagat zwischen den Genres - Nun erhält er Literaturpreis

von Frank Quilitzsch Ostthüringer Zeitung

Lutz Seiler, 1963 in Gera-Langenberg geboren, wird die Auszeichnung am 21. September in Erfurt entgegennehmen. Foto: Jürgen Bauer

Erfurt. Seit Längerem schon gelingt Lutz Seiler der Spagat - künstlerisch wie logistisch. Beim Schreiben wechselt er virtuos zwischen den Genres, im Leben pendelt er zwischen Wilhelmshorst bei Potsdam und Stockholm. Demnächst wird der in Gera aufgewachsene Lyriker und Erzähler besuchsweise in seine angestammte Heimat zurückkehren, um den Thüringer Literaturpreis in Empfang zu nehmen.

Die mit 12.000 Euro dotierte Auszeichnung wird dem Autor des Romans "Kruso" sowie zahlreicher Lyrik- und Prosabände am 21. September in Erfurt übergeben. Das teilte gestern die Thüringer Staatskanzlei mit. Geehrt werde ein Schriftsteller, "der mit Lyrik, Essay und Roman ein Werk vorzuweisen hat, dessen Qualität in allen Gattungen und Genres besticht", erklärte Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke).

Der Literaturpreis wird alle zwei Jahre vom Land, der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und dem Thüringer Literaturrat vergeben. In die Wahl kommen profilierte Autoren, aber auch Nachwuchsschriftsteller, die eine direkte Beziehung zu Thüringen haben. Vor Seiler erhielten zum Beispiel Wulf Kirsten (2015), Kathrin Schmidt (2013) und Jürgen Becker (2011) die Auszeichnung.

Der Wismut-Bergbau spiegelt sich in "pech & blende"

Lutz Seiler wurde am 8. Juni 1963 in Gera-Langenberg geboren, wo er bis zur zehnten Klasse die Polytechnische Oberschule "Bruno Kühn" besuchte. Dass der Autor, der vor seinem Abitur und Germanistikstudium erst seinen Baufacharbeiter machte, von den Erfahrungen als Maurer und Zimmermann profitiert, zeigt sich unter anderem in dem 1995 bei Suhrkamp erschienenen Gedichtband "pech & blende". Dort stiftet der Uran-Bergbau der Wismut bei Ronneburg den düster-atmosphärischen Hintergrund. "er hatte die halden bestiegen", heißt es im Titelgedicht, "die bergwelt gekannt, die raupenfahrt, das wasser, den schnaps/ so rutschte er heimwärts, erfinder des abraums/ wir hören es ticken, es ist die uhr, es ist/ sein geiger zähler herz."

Sehr sinnlich schildert Seiler in seiner mit dem renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis gekrönten Erzählung "Turksib" die Landschaft Kasachstans. Auch dort taucht überraschend der Geigerzähler wieder auf. Schon in frühen Werken beweist der Autor seine literarische Meisterschaft in der poetischen wie skurrilen Beschreibung von Alltagsdetails.

Sein Hauptschaffensort ist das Peter-Huchel-Haus in Wilhelmshorst, eine Dichtergedenkstätte, die er betreut und durch die er regelmäßig Besucher führt. Dort wohnte nicht nur der unvergessene Poet Huchel, sondern waren auch namhafte Kollegen wie Erich Arendt, Heinrich Böll, Max Frisch, Günter Kunert oder Wolf Biermann zu Gast. "Ich kann hier sehr gut arbeiten. Peter Huchel ist natürlich immer gegenwärtig", erklärte Seiler im Interview.

Vor zwei Jahren erschien sein vielbeachteter Roman "Kruso", für den er den Deutschen Buchpreis erhielt. Der Stoff wurde für die Gera-Altenburger Bühne dramatisiert und soll demnächst auch verfilmt werden. Was steckt hinter dem zu DDR-Zeiten spielenden Hiddensee-Roman "Kruso"- der Traum von einer Gemeinschaft, der im Alltag nicht lebbar war? Viel eigene Erfahrung, besonders in der literarischen Figur des Aussteigers Ed. Er fände es schön, erklärte Lutz Seiler, wenn man das Buch "auch als einen Vorschlag zum Nachdenken über den Freiheitsbegriff verstehen würde, jetzt, nachdem wir eine Utopie gründlich verabschiedet haben".

"Lyrik ist mein Heimathafen"

Lutz Seilers Gedicht- und Erzählungsbände sind vom Umfang her eher schmal, doch von einer beispielhaften poetischen Dichte. "Ich habe große Lust, auch wieder Lyrik zu schreiben - das ist mein Heimathafen. Es entstehen auch zwischendurch Gedichte, doch man braucht, um sich wirklich darauf einzulassen, eine längere, zusammenhängende Zeit, weil man sich bei der Lyrik in ganz anderen Wahrnehmungszuständen bewegt."

Seiler plant nach eigenem Bekunden eine wie auch immer geartete Fortsetzung des "Kruso"-Romans. Nach vielen öffentlichen Auftritten, die der Deutsche Buchpreis mit sich brachte, sehnte er sich danach, in seine Schreibhöhle zurückzukriechen.