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21.09.2012

Lutz Rathenow zum 60. - Stachel im Fleisch des DDR-Systems

von Udo Scheer TLZ

Nähern wir uns dem Strausberger Platz in Berlin-Mitte, kommen bald zwei imposante Turmhochhäuser in den Blick. Sie stehen repräsentativ am Ende der ehemaligen Stalin-Allee. Ihre architektonische Strenge ist zugleich ein Denkmal kommunistischer Denkungsart. Hier haben Lutz Rathenow und seine Familie - wohl nicht ganz zufällig und im kleinen Triumph über die Wendung der Geschichte - 1990 erstmals eine geräumige Wohnung bezogen, mit direktem Blick auf den Fernsehturm.

Wenn Lutz Rathenow heute vor einem steht, ist kaum vorstellbar, dass dieser freundlich neugierige, vor Ideen sprühende Graubart mit seinem Schalk im Blick einst ein Staatsfeind gewesen sein soll, mit dem sich Stasi-Minister Erich Mielke höchstpersönlich befasste. Geboren wird er am 22. September 1952 in Jena, in, wie er sagt, "kleinbürgerlichen Verhältnissen, in einer geordneten Umgebung mit sehr vielen inneren, auch politischen Spannungen und mit der frühen Entdeckung, dass Worte sehr wichtig sind. Daran hatte meine Oma maßgeblichen Anteil, indem sie mir fast jeden Abend Märchen vorlas." Es reizt ihn, die Macht auszutesten, die in Worten stecken kann. Als Oberschüler kanalisiert er jugendlichen Spott und Aufbegehren in ersten Gedichten. Etwa in "Trabantglück­lich" rechnet er ab mit dem für ihn spießerhaften Besitz eines Autos: "Ekel: / Wenn ich manchen seh / - trabantglücklich / vergessend Vietnam und Unrecht irgendwo / (...) zufrieden vor Blumenbeet und Garage / Ekel: / Niemals so werden!"

Orwell-Lektüre als Schlüsselerlebnis

Damit liegt der junge Dichter voll auf der Linie gegen "bürgerliche Elemente". Dass "Trabantglücklich" vor allem auf jene Genossen zielt, die sich und ihre Familien mit Häusern, mit regelmäßigen Ostseeferienplätzen und Autos versorgen, ahnen die Zeitungsredakteure nicht. Das Gedicht wird mehrfach gedruckt und zu seinem ersten literarischen Erfolg. Ein Schüsselerlebnis hat er mit Sechzehn. Eine Freundin lädt ihn nach Berlin in ein Gartenhäuschen ein. Dort steht Orwells in der DDR verbotenes Buch "1984": "Ich erlebte zum ersten Mal, dass ein Buch Beklemmung auslösen kann, dass ich möglicherweise in einem System lebe, in dem es so ähnlich zuging, wie Orwell es zugespitzt beschrieben hat. Das Wort ,totalitär wurde mir plastisch vor Augen geführt." Die ganze Absurdität des Systems erlebt er mit Achtzehn als Rekrut der Nationalen Volksarmee. Noch aus der Armee heraus gründet Rathenow den Arbeitskreis Literatur und Lyrik in Jena. Bald treffen sich zwanzig und mehr junge Leute - Lehrlinge, Jungfacharbeiter und Studenten - wöchentlich im Kulturhaus Jena-Neulobeda, um eigene Arbeiten zu diskutieren und Werke kritischer DDR- und osteuropäischer Autoren vorzustellen. Rathenows Vater vervielfältigt heimlich Gedichte aus dem Kreis auf dem betrieblichen Ormig-Gerät und verliert seine Stelle als Direktor der Städtischen Verkehrsbetriebe. Es gibt Kontakte zu Robert Havemann und Wolf Biermann. Die Staatssicherheit bearbeitet den Kreis im Operativen Vorgang "Pegasus". Rathenow will sein Lehrerstudium für Deutsch/Geschichte an der Jenaer Universität abschließen. Doch er sieht sich zunehmend "Aussprachen" ausgesetzt.

Widerstand gegen Anwerbeversuche

Die Biermann-Ausbürgerung 1976 führt zum Ausnahmezustand in Jena. Auch Rathenow erlebt seine erste Wohnungsdurchsuchung und eine dreißigstündige Vernehmung. Der Vernehmer droht: "Im Zug der Republik sitzen Sie im letzen Waggon. Bei der nächsten Biegung werden Sie abgehängt." Danach wird er zwei Mal auf einem Parkplatz zu einem Auto bestellt, unter der Legende, man wolle ihm beschlagnahmtes Material zurückgeben. Es sind Anwerbeversuche. "Nun war ich in einer anderen Situation, mit Worten jonglieren zu müssen, um einerseits nicht ins Gefängnis zu kommen, andererseits unter keinen Umständen mit der Staatssicherheit zusammen zu arbeiten. Das ist eine hochkomplexe Situation." Er sucht den Kontakt zum Westberliner "Schutzkomitee Freiheit und Sozialismus", das sich für die Freilassung politisch Verhafteter im Zuge der Biermann-Ausbürgerung - darunter acht Jenenser - einsetzt. Nach seiner politischen Exmatrikulation ziehen seine Frau und er 1977 nach Berlin. Arbeit findet er als Regieassistent beim Theater. Die Steuer-Nummer des Theaterverbandes nutzt er, um als freischaffender Autor zu arbeiten. Er kann nicht anders. Schreiben ist Obsession. Er bringt seine Ideen in jene Kreise ein, die sich später zur Prenzlauer-Berg-Szene ausformen. In der DDR mit Veröffentlichungsverbot belegt, sucht er Kontakte zu Redakteuren im Westen. Zur wichtigsten Verbindungsperson wird, nach dem Freikauf 1977, Jürgen Fuchs in Westberlin. Durch seine Vermittlung erscheint 1980 bei Ullstein Rathenows Erzähldebüt "Mit dem Schlimmsten wurde schon gerechnet". Die Stasi vermerkt: "Mehrere Werke sind wegen ihrer zweideutigen politischen Auslegbarkeit direkt geeignet, für unmittelbare feindliche Angriffe auf die DDR verwendet zu werden." Er wird verhaftet. Berichte in der FAZ, in der "Frankfurter Rundschau" und der "Welt" führen nach zehn Tagen zur Freilassung. Nach dieser Erfahrung arbeitet Rathenow gezielt daran, möglichst jederzeit schützende Westöffentlichkeit herstellen zu können. In den 1980er Jahren unterhält er regelmäßig Kontakte zur Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ostberlin und zu akkreditierten Korrespondenten. Er informiert über literarische und oppositionelle Aktivitäten und über politische Verhaftete. Eine seiner raffiniertesten Verbindungen ist die zu Peter-Jochen Winters von der FAZ. Dessen Wohnung in Ostberlin, für die er einen Schlüssel besitzt, wird zum nächtlichen Hauptumschlagplatz für Briefe, Pressemeldungen und Manuskripte gen Westberlin und verbotene Presseartikel und Bücher von Havemann, Bahro, Solschenizyn für den Osten. Bis zum Zusammenbruch des SED-Staates arbeitet Rathenow als "Ein-Mann-Feindorganisation", ohne dass seine Unternehmungen entdeckt werden. Fast könnte man glauben, seine im Westen erscheinenden Bücher mit ihrer frechen Lyrik, satirischen Prosa und grotesken Stücken sind Provokation genug und eine wirksame Ablenkung für den Apparat.

Stetige Kontakte zu West-Medien

Am empfindlichsten reagiert die Staatsmacht auf den 1987 zur 750-Jahrfeier Berlins bei Piper erschienenen Band "Ostberlin. Die andere Seite einer Stadt" mit Fotografien von Harald Hauswald. Chefideologe Kurt Hager resigniert nach einer Anfrage Mielkes: "..."es gibt auf Dauer nur zwei Möglichkeiten: Entweder dem Treiben Rathenows keine Beachtung schenken oder ihn auszubürgern." In den späten Achtzigern setzt sich in oppositionellen Gruppen die Zusammenarbeit mit Westmedien zunehmend durch. Auch Rathenow informiert und kommentiert weiter, unter anderem in Telefoninterviews im Deutschlandfunk: über die Opposition, über Verhaftungen in der Berliner Umweltbibliothek im November 1987 und nach der Luxemburg-Demonstration im Januar 1988, über die Entwicklung der Bürgerrechtsbewegung 1989 und die Perspektivlosigkeit der DDR. Nach dem Mauerfall bleibt der Autor seinem Element treu, dem süffisanten Hinterfragen. Jährlich erscheinen ein bis zwei Bücher mit Erzählungen, Gedichten und immer wieder Kinderbücher. Er ist dabei, als es darum geht, die Öffnung der Stasi-Akten durchzusetzen und zu sichern. Auf die Frage, ob sich für ihn als Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen - das Amt, in das er im Frühjahr 2011 berufen wurde - nun ein Kreis schließe, sagt Lutz Rathenow: "Kreise schließen sich für mich eigentlich nie, sondern sie öffnen sich zu neuen Spiralen und Labyrinthen"..."