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29.11.2006

Lutz Rathenow: Raus aus Dissidenten-Ecke

von Birgit Kummer Thüringer Allgemeine

Mit einer ungewöhnlichen Buchauswahl ist der Schriftsteller Lutz Rathenow (54) morgen 20 Uhr bei Peterknecht zu Gast - mit Foto- und Kinderbüchern.
Ihr Kinderbuch "Tag der Wunder" hat Erfurt-Bezüge?

Der Illustrator Frank Ruprecht lebt in Erfurt. Wir lernten uns bei einer Buchmesse kennen. Er schätzt wie ich antiautoritäre Texte und malt originelle, aber nicht gefällige Illustrationen.

Zwei Ihrer Bücher reflektieren das Geschehen vor und nach dem Mauerfall: "Ost-Berlin" und "Gewendet".

Diese Bücher über die Endzeit der DDR lassen zahlreiche Assoziationen zu und machen Gesprächsangebote. Sie entstanden gemeinsam mit dem Fotografen Harald Hauswald, mit dem ich seit mehr als 20 Jahren befreundet bin. Besonders viele Reaktionen bekomme ich auf das Ostberlin-Buch aus dem Jahr 2005 "Leben vor dem Mauerfall". Dadurch bin ich ein Stück weg von der "reinen" Literatur und ein Stück raus aus der Dissidenten-Ecke, das sehe ich nicht ungern.

Sie wurden in Jena geboren, von der DDR als Dissident verfolgt, probieren sich seit der Wende auf vielen Schreibfeldern aus. Wie werden Sie denn wahrgenommen?

Hüben und drüben unterschiedlich, aber generell ist das Interesse viel größer als vor zehn Jahren. Und Kinderbücher funktionieren identisch, gleich, wo man liest.

Ihre eigenen Kinder sind schon groß. Wie kamen Sie auf den "Eisbären aus Apolda"?

Ich mag skurrile Geschichten, habe die Texte aufgeschrieben und Egbert Herfurth, den ich sehr schätze, illustrierte sie. Das Buch enthält auch die Geschichte vom Kartoffelkäfer aus Thüringen, der auf die Fidschi-Inseln will. Es war sehr vergnüglich, dieses Buch zu machen.

An manchen Bildtexten des Fotobuchs "Gewendet" gab es geharnischte Kritik. Die muss ich an vielen Stellen bestätigten. Aber was im Osten ohne Worte funktionieren würde, braucht weiter westwärts mehr Erklärungen. Weil so viele Rezensenten und auch zahlreiche Leser reagierten, möchte ich in der nächsten Auflage von "Gewendet" als Beilage weiße Kleberechtecke beifügen, damit jeder das überkleben kann, was ihn nervt und neue Sichten hinzufügen kann. Das empfiehlt sich vielleicht auch für andere Druckerzeugnisse und ist auf jeden Fall ein Angebot zur Kommunikation.

Thüringen war Ihnen mal Heimat, wie geht es Ihnen jetzt im Freistaat? Ich komme gern hierher, ich fahre aber auch gern wieder weg, denn Berlin ist seit fast 30 Jahren mein Zuhause. Erfurt und Jena - das sind vitale Flecken mit ihren Studenten, den Theatern, der Kultur. Ich freue mich auf die Lesung.