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24.05.2009

Luis Fürnberg zum 100. : Verse eines Heimatlosen

von Prof. Hans Richter TLZ

Nicht zu den Großen, Vielgerühmten zählt er, eher zu den Heimatlosen; Irren gehört zum Menschen, und manches aus seiner Feder ließ ihn manchem suspekt werden - etwa sein 1950 im Zwiespalt und gar nicht als Lobeshymne verfasster, doch später als solche genutzter Vers "Die Partei hat immer recht". Aber wer von den Akteuren des argen 20. Jahrhunderts ist schon mit purem Glanz und Gloria davongekommen?! Louis Fürnberg, höchst sensibel, musisch begabt, keine robuste Natur, wirft sich trotzig in den Kampf um eine von Not und Ausbeutung freie Welt und reibt sich in dieser heillosen Arbeit auf. Er sieht sich als ""der Menschheit Träumer und Soldat"", auch als ""neuen Odysseus""; ich beklage ihn als einen anderen Ikarus.

Attacken gegen Hitler und Henlein

Mit dem Vater, einem glücklosen Kleinunternehmer, aus Mähren ins böhmische Bäderdreieck gekommen, stressen ihn wachsende Spannungen. Hitlerpropaganda quillt über die Grenze, wo Not und Arbeitslosigkeit herrschen und Henleins Leute Tschechenhass schüren. Fürnberg kann der Sog des deutschen Nationalismus nicht erfassen; einem älteren Freunde folgend, findet er zu Marx und Lenin, zu den Kommunisten, den Menschen ohne Hass auf Juden, Tschechen, Zigeuner und ""Undeutsches"". Am Klavier und als ""Versverliebter"" trainiert er seine Talente; doch Bildungswege stehen ihm nicht offen. Selbstgenügsam spielen? Das verschmäht er; aus jungen Arbeitslosen formt er die Spieltruppe ""Echo von links"", bald in der Region bekannt und gefragt, obgleich von Zensur und Polizei bedrängt. Eine Vers-Attacke auf den ""Radio-Papst"" Pius (der die Proleten vom Kampf abhalten will) bringt dem Dichter den Namen Nuntius ein, unter dem er leidenschaftlich zu Felde zieht - gegen Hitler und Henlein, für eine breite antifaschistische Volksfront.

Vom drohenden Unheil herausgefordert, sucht er sein Können und seine Mittel zu steigern, schafft er Lieder, Songs, Kantaten, Stücke und Spiele, schreibt er Artikel für linke Blätter im In- und Ausland. Der Einbruch der Nazis zwingt ihn in die Illegalität; beim Emigrationsversuch fängt ihn die Gestapo an der Grenze ab. Den Wert seiner Arbeit bestätigen Hitlers Schergen auf ihre Art: Sie schleifen ihn durch Gefängnisse, misshandeln ihn, bewerfen ihn mit geraubten Büchern, so dass er einen bleibenden Gehörschaden erleidet.

Freigekauft, gelangt er 1939/40 über Italien und Jugoslawien nach Palästina, wirkt hier als Dichter, Redner, Publizist vor Ort und zugleich ins Weite: Er beschickt die Exilzeitschriften ""Internationale Literatur"", ""Das Wort"", ""Einheit"" sowie linke Blätter etlicher Länder. Auch als Poet fordert er sich immer wieder neu. Gerade jetzt gelingt ihm Großes: Neben der Sammlung ""Hölle, Hass und Liebe"" und der wunderbaren ""Mozart-Novelle"" sind es zwei Werke, die sein Vermögen bekunden. Zum einen ""Die spanische Hochzeit"", erwachsen aus tiefer Betroffenheit durchs Zeitgeschehen. Vorangestellte Zitate aus dem Dezember 1944 weisen auf Material und Motivation des Dichters: Reuter berichtet, wie grandios man in Sevilla königliche Hochzeit feiern wolle; Simonow meldet schockierend genau, wie deutsche KZ-Barbaren in Auschwitz wüteten. Das Poem schlägt einen faszinierenden Bogen vom Franco-Opfer Garcia Lorca zum sehnsüchtigen Ausblick auf eine künftige freie Welt. Zum andern: der Zyklus ""Der Bruder Namenlos"", die eigene Geschichte spiegelnd, selbstironisch und selbstbewusst, mit der Gewissheit schließend, den rechten Weg zu gehen.

Ehe Fürnberg heimkehren kann, bleibt er an einem Wüstenrand in ein Lager verbannt, dessen missliche Bedingungen er dichtend zu bewältigen sucht: der Zyklus ""El Shatt"" entsteht. Spät im geliebten Prag zurück, erlebt der dort Geduldete, dass ihm der Abschub der Sudetendeutschen sein muttersprachliches Publikum nimmt.

Umzug von Prag nach Weimar

Sein Werk findet im Osten Deutschlands eine Heimat. Soll er dorthin folgen? Als Botschaftsrat der CSR kann er die DDR gut testen - und wagt bald den Wechsel nach Weimar, wo er eine Stelle erhält, wo man seine Erfahrungen und Fähigkeiten, seinen Charme und einen Nachwuchs-Mentor wie ihn zu schätzen weiß. Und wo seine Frau, seine Kinder leben, gedeihen können. Aber die als Sozialismus begrüßten Verhältnisse lösen nicht jeden der alten Konflikte, bringen unerwartet neue - und der enthusiastische Künstler überfordert sich, je weniger die eigentlichen Ziele des Kampfes greifbar sind. Der Tod stellt ihm nach: Auf dem Wege zur Heilung des kranken Herzens stirbt er, zu früh, viel zu früh.

Wer weiß schon, dass Fürnberg heute als "namenloses Lied" durchs Volk geht - dank der Puhdys, die sein Gedicht "Alt wie ein Baum" vertont und verbreitet haben.

! Sonntag, 11 Uhr, Festakt der Klassik Stiftung Weimar im Stadtschloss