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30.10.2007

Lobgesänge auf einen Kneipenwirt

von Frank Quilitzsch TLZ

Jena/Ranis. (tlz) Begriffe wie Zentrum und Provinz müssen sich nicht ausschließen. In der Thüringer Literaturszene ergänzen sie sogar einander. Schwierig wird es nur, wenn der Literaturfreund zeitlich in die Zwickmühle gerät. In Jena startet am 1. November der 13. Lesemarathon. In Ranis gibt es zur selben Stunde einen außerordentlichen Lyrik-Abend unter dem Titel "Song for Hubert". Wir sprachen darüber mit Martin Straub, dem Geschäftsführer des Thüringer Lese-Zeichen-Vereins.

Herr Straub, am Donnerstag kreuzen sich in Thüringen zwei literarische Großereignisse: In Jena liest Sigrid Damm und in Ranis wird ein kulturvoller Kneipenwirt besungen. Wohin geht man?

Da ich mich nicht zerteilen kann, werde ich nach Ranis zu der bereits ausverkauften Lyrik-Veranstaltung gehen. Mehr als hundert Leute passen beim besten Willen nicht in die "Schmiede". Aber ich gehe auch deshalb gern dorthin, weil mein Herz am "Wort-Klang" hängt. Ranis bildet in diesem Jahr den Abschluss der Reihe, die - allen Skeptikern zum Trotz - zeigt, dass Lyrikabende in Thüringen gut besucht werden. In den sieben Veranstaltungen hatten wir jeweils 60 bis 120 Besucher pro Abend. Wenn man dann noch die Orte betrachtet, an denen die Poeten gefeiert werden - Sömmerda, Heiligenstadt, Greiz, Altenburg, Schmalkalden oder Roßleben -, weiß man gar nicht, wo hier noch kulturelle Provinz sein soll.

Jedenfalls nicht in Jena, wo der 14-tägige Lesemarathon gestartet wird. Die Thüringer Literaturpreisträgerin Sigrid Damm kennt hierzulande fast jeder. Wer aber ist Hubert?

Hubert ist Hubert Weiße, der Wirt des Raniser Gasthofs "Zur Schmiede". Ein Schwergewicht - körperlich wie geistig. Geistig nicht nur, weil er nach den Lesungen geistige Getränke reicht, sondern auch weil er von bedeutenden Autoren besungen wird. Harry Rowohlt preist Huberts Sülze, Feridun Zaimoglu seine Pferdebockwurst, und André Schinkel, der Stadtschreiber, lobt das gute Bier und die Fürsorge, die er als einsamer Dichter bei ihm erfahren hat.

Er fand bei Hubert sein Zuhause?

Das kann man in Schinkels Stadtschreiber-Buch "Unwetterwarnung" nachlesen. Man staunt, wie Ranis auf einen so formstrengen Lyriker gewirkt hat. Und die Raniser finden sich in diesen Gedichten aufgehoben und verstanden. Es ist eine Lyrik, die nicht nur heiter-ironisch über die Provinz spricht, sondern diese in ihrer menschlichen Dimension ernst nimmt. Schinkel entdeckt, wie die große Welt durch diesen kleinen Ort hindurch geht. Ranis ist ja auch einer der bedeutendsten keltischen Fundorte in Deutschland. Der Archäologe André Schinkel wusste genau, wo er hingeht. Übrigens hat er am Donnerstag mit Daniela Danz eine Thüringer Lyrikerin zur Seite. Aber das Schönste an der Veranstaltung ist, dass ein junger Komponist, Albrecht Berner, eigens für diesen Abend Gedichte vertont hat.

Auch den berühmten "Song for Hubert"?

Selbstverständlich.

Wie geht der?

"Jubilate Dir, Hubert! - / Erlöser der bierlosen Nächte, / Wächter des großen, / Einzigen Hämmerklaviers! // Literaten verloren sich / Schon im Saum Deiner Kammern, / Tranken den Einheimischen / Schon das Spätschichtbier weg; - // Du aber richtest, mit dem / Wisch eines Fingers, den Frieden, / Teilst ,Schmiedefeuer´ / Und Bier an die Besänftigten aus ..."

Da möchte man gern dabei sein und auf den Erfolg des "Wort-Klangs" anstoßen!

Der Erfolg der Reihe hat viele Väter. Örtliche Institutionen, wie die Kreissparkasse Saale-Orla, und die mitveranstaltenden Musikschulen gehören unbedingt dazu. Und nicht zu vergessen das begeisterungsfähige Publikum, das auch altersmäßig bunt gemischt ist. Übrigens wird die Reihe, wie ich von unserem Hauptsponsor, der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, erfuhr, 2008 ihre Fortsetzung finden.