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30.05.2009

Literaturtage: Reiselustige Autoren logieren auf Burg Ranis

von Frank Quilitzsch TLZ

Fritz Pleitgen reist durch die Steppe an den Don. Claudia Rusch bereist noch einmal alle 15 Bezirke des Landes ihrer Kindheit und Jugend, der DDR. Thomas Rosenlöcher kehrt zurück in die Wendezeit. Juli Zeh unternimmt eine Zeitreise in die Zukunft. Und alle gemeinsam reisen zwischen dem 11. und 14. Juni auf die Burg Ranis, um bei den 12. Thüringer Literatur- und Autorentagen in Erscheinung zu treten.
Es ist in diesem Jahr ein Festival der großen Namen, denn auch der Erinnerungsreisende Uwe Tellkamp ist dabei. Tellkamp liest am 15. Juni im Volksbad Jena - aus seinem preisgekrönten Dresden-Roman "Der Turm". Eröffnet wird der Veranstaltungsreigen, der vier Tage lang in Ranis neben Autorenlesungen auch Märchenzauber, Theater, Puppentheater, Konzerte, einen Beat-Tanzabend sowie einen literarischen Frühschoppen und einen ebensolchen Gottesdienst bietet, am Donnerstag, 11. Juni, vom deutschen Chefsatiriker Max Goldt.

Daniel Kehlmann empfiehlt, bei Goldt nicht nur auf die gestochen scharfen Pointen zu hören, sondern hinter "seine trügerischen Gedankenfluchten" zu schauen, wo es Eleganz und Poesie, genaueste sprachliche Kompositionen und "eine blendend helle moralische Intelligenz" zu entdecken gibt. Dann geht es weiter mit dem zweiten Raniser Poetry Slam, der am 12. Juni im "Gasthaus zur Schmiede" acht klangvolle, von Projektmanagerin Anke Scheller ausgewählte Namen der Szene zusammenbringt, und dem langen Wochenende auf der Burg, das in verschiedenen Räumlichkeiten wie auch open-air für alle Altersgruppen und literarischen Geschmäcker etwas bereit hält.

Von "Väterchen Don" bis "Aufbau Ost"

Fritz Pleitgen darf man als Altmeister der Reportageliteratur bezeichnen. Der Russland-Kenner - er war von 1970 bis 1977 Korrespondent des ARD-Studios in Moskau - hat sich mit seiner Reise zu "Väterchen Don" einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Denn der 1870 Kilometer lange Fluss im russischen Südwesten ist ein geschichtsträchtiger Strom: Kosaken siedelten da und vertrieben die Tataren, an seinem Ufer leistete die Rote Armee der deutschen Wehrmacht erbitterten Widerstand, und in der russischen Literatur spielt der Don nicht nur bei Scholochow eine bedeutende Rolle, sondern auch bei Mandelstam, Tschechow oder Jerofejew.

Ob Spannung mit Krimi-Autor Volker Kutscher ("Der stumme Tod") oder biografische Geschichten mit Claudia Rusch ("Aufbau Ost - Unterwegs zwischen Zinnowitz und Zwickau"), ob Schiller-Anekdoten mit dem Ehepaar Annel, ob Überliefertes mit Hansi von Märchenborn und Andreas vom Rothenbart oder Zauberkunde bei der Hainichhexe Xana - man muss um seine Kuchen- und Bratwurstpausen bangen. Zumal auch musikalisch einiges geboten wird, etwa bei "Lyrik im Konzert" mit den Dichtern Bärbel Klässner, Thomas Rosenlöcher und Harry Weghenkel, die von Joe Sachse (Gitarre) und Albrecht Berner (Piano) begleitet werden, oder mit Gunther Emmerlich, der zum Abschluss am Sonntag singen, swingen und lesen will unter dem Motto: "Ich wollte mich mal ausreden lassen."

Nicht zu vergessen das Highlight am Samstagabend, unmittelbar nach dem Gastspiel des Rudolstädter Theaters mit "Männer und andere Irrtümer": 20 Uhr gibt es im Südflügel der Burg ein literarisch untermaltes Abendessen mit unverbindlicher Einladung zum Tanz. Es spielt die Gruppe "Favorit" Oldies der 60er und 70er Jahre, gemischt mit eigenen und osteuropäischen Kompositionen. Hinweis des Veranstalters (Lese-Zeichen e. V.): Wegen der begrenzten Platzkapazität wird um Reservierung unter Tel. 03641/493900 gebeten.

Zum dritten Mal live Figaro-Lesecafé

Zum dritten Mal sendet das Lesecafé des MDR-Figaro live von der Burg. Am 14. Juni hat der Redakteur Michael Hametner die Schriftstellerin Juli Zeh zu Gast, mit der er über ihren neuen Roman "Corpus Delicti" sprechen wird. In Anlehnung an Orwells Science-Fiction-Klassiker "1984" zeichnet die 34-Jährige darin ein System, das alles und jeden kontrolliert und in dem Gesundheit zur höchsten Bürgerpflicht geworden ist. Besucher der Literaturtage können dem Gespräch mit der Autorin des Bestsellers "Spieltrieb" im Festsaal der Burg beiwohnen.

Dank der Kooperationspartner (vor allem Friedrich-Bödecker-Kreis und Literarische Gesellschaft Thüringen) und zahlreicher Förderer erstrecken sich die Literatur- und Autorentage wieder über die ganze Region und beziehen auch Thüringer Partnerstädte mit ein. Beispielsweise lesen Wulf Kirsten und Kim Kwang-Kyu (9. Juni) sowie Steffen Mensching (15. Juni) in Weimar. Dort tritt am 10. Juni auch der Kabarettist Jürgen Becker mit einem Schillerprogramm auf. Im Jenaer Café Wagner stellen Ingrid Annel und Matthias Biskupek Nachwuchsdichter vor, die sich erste literarische Sporen bei Literaturwettbewerben verdient haben. Die Achse reicht noch weiter - bis zum Liebhabertheater Schloss Kochberg, zur Menantes-Gedenkstätte in Wandersleben und zur Dichterstädte "Sarah Kirsch" in Limlingerode. Und am 20. November gibt es - als Nachschlag - das erste große Raniser Stadtschreiber-Treffen, zu dem sich alle Neune angesagt haben.

@ www.lesezeichen-ev.de