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13.05.2006

Literaturtage: Rap auf der Burg, Erotik im Pfarrhof

von Frank Quilitzsch TLZ

Erinnerung an den "Geschmack des Ostens" mit Jutta Voigt und Soljanka-Verkostung im Gasthaus "Alte Schmiede", Indianerabenteuer aus Geschichte und Gegenwart in der Stadtkirche, Märchenzeit im "Deutschen Garten" und Frühschoppen mit Ex-Stadtschreiber Jörg Sauerbier auf dem Alten Markt, der aus seinem Manuskript "Der durstige Mann" liest - die Thüringer Literatur- und Autorentage gehen neue Wege. Zwar bleiben sie in ihrem Kern auf die Burg Ranis konzentriert, wo das Festival am Donnerstag, 15. Juni, zünftig mit Bluesmusik, Lesung und einem Kunstprojekt eröffnet wird. Von Freitag bis Sonntag schwärmen dann die Autoren, Musiker, Märchenerzähler und bildenden Künstler in die Stadt und ihre nähere Umgebung aus.
"Zu Gast in Ranis - Offene Türen für Literatur" heißt das diesjährige Motto des vom Förderverein des Thüringer Schriftstellerverbands, dem Lese-Zeichen e. V., mit vielen kleineren und größeren Partnern vorbereiteten Festivals. Bis in die Gärten und Wohnzimmer der Raniser soll sich die Liebe zum Buch und das Interesse an Autorenbegegnungen fortpflanzen. Die Idee zu dieser Öffnung geht auf den Mitinitiator der Literaturtage Hans Westerheide zurück. Im Vorfeld finden in Partnerschaft mit dem Friedrich-Bödecker-Kreis Lesungen in Schulen und Bibliotheken statt. Beispielsweise liest der Schriftsteller Lutz Rathenow im Raniser Kinderheim, wo auch der Kinderzirkus "Tasifan" Station macht und im Anschluss mit Narren und Gauklern durch die Gassen zur Burg hinauf zieht.

"Wenn wir lesen, hat das deutsche WM-Team spielfrei"

Wie im vergangenen Jahr werden an dem verlängerten Wochenende (15. bis 18. Juni) Veranstaltungen für Erwachsene, Kinder und die ganze Familie geboten, wobei die Jüngsten besonders am Sonnabend und Sonntag auf ihre Kosten kommen. Moment mal! Ein großes literarisches Fest in der Zeit der Fußball-Weltmeisterschaft? Lese-Zeichen-Chef Martin Straub, selber ein Anhänger der (südamerikanischen) Ballspiel-Ästhetik, hat auch an die einheimischen Fans gedacht: "Keine Sorge, wenn bei uns gelesen wird, hat die deutsche Mannschaft spielfrei", versichert er.

Alles ist bis ins Detail bestens aufeinander abgestimmt. Der Saale-Orla-Kreis beteiligt sich nach Kräften, das Kultusministerium, der GGP Media, die Stadtwerke Jena-Pößneck, die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, die Kreissparkasse Saale-Orla fördern die Literaturtage. Landrat Frank Roßner hat die Schirmherrschaft übernommen.

Ein Wirtschaftsexperte wird am Eröffnungsabend für den nötigen Aufschwung sorgen: Olaf Preuß, Reporter der Financial Times, stellt sein Buch "Made in Germany" vor. Made in Thuringia ist ein einzigartiges Kunstprojekt mit dem Titel "SteinStimmen", das im Anschluss an die Lesung seine Vernissage erlebt. Gefördert von der Kulturstiftung des Freistaates Thüringen, vereint es die Autoren Gisela Kraft, Wolfgang Haak und Landolf Scherzer mit dem Komponisten Mario Wiegand sowie den bildenden Künstlern Ullrich Panndorf und Walter Sachs. Sie haben in Text, Ton und Bild über drei Thüringer Burgen gearbeitet und stellen das bei burgart-presse Jens Henkel erschienene Werk und die begleitende Ausstellung vor.

So geht es über vier Tage. Sat1-Sportmoderatorin Gaby Papendorf stellt ihr Fußballbuch "Die Spielmacherin" vor. In der Galerie Westerheide präsentiert die Künstlergruppe "Querschlag" eine Lichtinstallation mit Lesung und Musik. Es gibt Kinder-Tanztheater nach dem Buch "Der Zaubervogel" von Verena Zeltner, Rock, Rap und Lyrik "Über die großen Städte", und der neue Stadtschreiber von Ranis wird gekürt. Nicht zu vergessen das Indianer-Special mit Axel Brümmer, Antje Babendererde und Rainer Klis, Rainer Eppelmanns "Auslaufmodell Staat?" und die erotischen Lesestücke zur Nacht. Krönender Abschluss: ein Konzert mit Ulla Meinecke.

Ranis ist jedoch nur die Spitze der Literaturtage, deren Veranstaltungsreigen sich über die ganze Region von Zeulenroda bis Bad Lobenstein und von Gera bis Weimar erstreckt und viele Thüringer und auswärtige Autoren zu Wort kommen lässt. Schloss Kochberg präsentiert den "Preußischen Appoll" - als Auftakt zur Reihe "Klang der Klassik mit Konzerten auf Originalinstrumenten der Goethezeit (17./18. Juni). Bei den 9. Limlingeröder Diskursen (25./25. Juni) ist wieder Sarah Kirsch in ihrem Geburtshaus zu Gast; im zweiten Teil wird von Literaturwissenschaftlern und Künstlern an die Dichterin Karoline von Günderode erinnert.

Last but not least gibt es in diesem Jahr sogar ein Fest der Sinne: Erotik im Pfarrhof von Wandersleben. In jenem Ort, wo 1680 Christian Friedrich Hunold geboren wurde, der sich später Menantes nannte und als Dichter wie als Skandalautor von sich reden machte, wird am 17. Juni erstmals der Menantes-Preis für erotische Dichtung vergeben. Die Jury wird aus den bereits jetzt mehr als 770 Einsendungen die fünf besten ermitteln und die Autoren zum öffentlichen Vortrag einladen.

@ Programm unter: www.lesezeichen-ev.de