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25.09.2013

Literaturpreis für Kathrin Schmidt: "Schreiben war immer meine Fluchtburg"

von Frank Quilitzsch TLZ

Hat nie ihren hohen Kunstwerk der Alltäglichkeit geopfert: Die in Gotha geborene, heute in Berlin lebende Kathrin Schmidt hat zahlreiche Lyrikbände und Romane veröffentlicht. Foto: ddp

Die Schriftstellerin Kathrin Schmidt wird für ihr Gesamtwerk mit dem Thüringer Literaturpreis geehrt und äußert sich im TLZ-Interview über ihre Prägungen.

Am 26. September wird die Lyrikerin und Erzählerin Kathrin Schmidt in Erfurt mit dem Thüringer Literaturpreis geehrt. Die Auszeichnung ist mit 12.000 Euro dotiert und wird alle zwei Jahre nunmehr zum fünften Male vergeben.

Als "eine der wichtigsten und originellsten literarischen Stimmen ihrer Generation" würdigte Kulturminister Christoph Matschie (SPD) die gebürtige Gothaerin, die seit 1994 als freie Schriftstellerin in Berlin lebt. "Mit ihrer Fantasie, ihrer Freude an Wortspielen und einer kraftvollen, sinnlichen Sprache hat sie ihrer Literatur einen hohen künstlerischen Wert verliehen", heißt es in der Begründung der Jury. Kathrin Schmidt,  Jahrgang 1958, ist in Gotha und Waltershausen aufgewachsen und studierte an der Universität Jena Psychologie.

Nach der Wende engagierte sie sich politisch am Runden Tisch Berlins und arbeitete als Redakteurin der Frauenzeitschrift "Ypsilon". Schon für den Roman "Koenigs Kinder" (2002) feierte Iris Radisch die Autorin als "große neue Begabung der deutschen Gegenwartsliteratur".  2009 erhielt sie  für ihren Roman "Du stirbst nicht",  in dem die Wiedergewinnung der Sprache und  Orientierung im Leben nach einem Schlaganfall geschildert wird, den Deutschen Buchpreis. 2010  erschien ihr jüngster Gedichtband "Blinde Bienen". 

Frau Schmidt, wie gut erinnern Sie sich noch an das "Poesiealbum" Nummer 179, ihr erstes Lyrikbändchen in der DDR?

Es erschien, als meine zweite Tochter gerade geboren war. Und ich weiß noch, dass ich damals ziemlich stolz war.

Auf Ihre Tochter?

Auf meine Tochter und mein "Poesiealbum". Ich glaube, ich war 24, als es erschien.

Einen wunderbaren Vierzeiler hatten Sie darin ihrem ersten Kind gewidmet. Wissen Sie noch, wie er geht?

Ich habe nur noch den Rhythmus und den Reim im Ohr.

Und ich habe das Heft vor mir liegen: "sich wie ein leinen über meinen atem legen/ der schnee des kleides singt auf meinem leib/ ich spür die angst nicht mehr vor ungebornen schlägen/ und meine: segel du des schiffs, auf dem ich treib".

Ja, genau. So ging das.

Es kamen dann noch drei Kinder, also insgesamt fünf. Dazu Studium, Beruf, Ehe, mehrere Lyrik- und Erzählbände und vier dicke Romane. Man fragt sich, wie schafft es eine Frau, das alles unter einen Hut zu bekommen?

Mein Mann und ich, wir haben den Alltag immer gemeinsam bewältigt. Darüber musste gar nicht gesprochen werden. Und dann habe ich ja vier meiner Kinder zu DDR-Zeiten bekommen. Da war es selbstverständlich, dass sie in die Krippe und den Kindergarten gingen. Ich war doch berufstätig, das ging gar nicht anders. Aber auch als freiberufliche Schriftstellerin, also seit 1994, habe ich den Arbeitstag einer voll berufstätigen Frau.

Als Schriftsteller hat man doch, selbst wenn man nicht schreibt, die Arbeit im Kopf.

Die Romane kamen erst später. Als Lyrikerin habe ich auf Schritt und Tritt Verse produziert. Das funktionierte beim Straßenbahn fahren genauso wie beim Windeln aufhängen. Das brauchte ich abends nur aufzuschreiben. Aber ich kann auch abschalten. Meine älteste Tochter ist jetzt 34, und seit ihrer Geburt galt die Regel: Ich habe meine Arbeitszeit, und wenn die zu Ende ist, ist sie zu Ende.

Wenn das Pensum geschafft ist, können Sie sicher auch mal eher aufhören.

Ich kann auch zwischendrin mal Pause machen. So diszipliniert bin ich nicht, als dass ich die ganze Zeit an der Schreibmaschine oder jetzt eben am Computer klebe.

Ich könnte mir vorstellen, dass Sie auch Tagebuch führen.

Nein, das habe ich nie gemacht.

Auch nicht, als Sie sehr lange in der Klinik lagen?

Auch dort nicht.
Wenn man Psychologie studiert und auch einige Zeit in diesem Beruf gearbeitet hat, befördert das das Schreiben? Oder fühlt man sich da manchmal eher gehemmt?


Einerseits hemmt es. Denn es sorgt für eine bestimmte Art von Selbstzensur. Und man ist, wenn man beim Schreiben psychologische Theorien im Kopf hat, nicht davor gefeit, diese in Literatur übersetzen zu wollen. All das passiert unbewusst, aber es passiert. Deshalb hätte ich es als stark hemmend empfunden, wenn ich damals, als ich als Psychologin tätig war, hätte Prosa schreiben wollen. Als ich den Beruf aufgab, war ich erst mal frei davon. Andererseits arbeitet einiges von dem, was man gelernt hat, im Unterbewusstsein weiter und hilft mir heute als Schriftstellerin, die menschliche Psyche besser zu verstehen.

Sie haben das Schreiben auch mal als Ihre "Fluchtburg" bezeichnet. Was sagt die Psychologin dazu?

Oh! Schreiben war schon immer meine Fluchtburg - seit meiner Kindheit. Da konnte ich mich artikulieren, ohne konkret mit jemandem zu sprechen. In unserer Familie hing ein Geheimnis über jedem Gespräch: Mein Vater hatte zehn Jahre in Bautzen abgesessen. Davon wussten die Erwachsenen, aber wir Kinder nicht.

Warum war Ihr Vater im Gefängnis?

Mit 19 Jahren wurde er von der sowjetischen Militäradministration inhaftiert, wegen angeblicher Spionage für einen amerikanischen Geheimdienst. Es war aber überhaupt nichts dran. Er war nur Mitglied einer CDU-Jugendorganisation gewesen.

Unterschwellig hat das sicher das Familienklima belastet?

Nach außen hin scheinbar überhaupt nicht. Mein Vater war ein sehr auf Harmonie bedachter und ausgeglichen wirkender Mensch. Allerdings frage ich mich, wie er und meine Mutter es geschafft haben, das so lange von uns fernzuhalten.

Wann haben Sie davon erfahren?

Als ich 17 war und in der Sowjetunion medizinische Forschung studieren wollte. Da gab es auf dem Formular die Spalte "Vorstrafen der Eltern", und da die Sache 1975 noch nicht verjährt war, erschienen dort bei meinem Vater auf einmal "25 Jahre". Er hat versucht, mir die Sache zu erklären, und gesagt, dass er hatte unterschreiben müssen, niemals mit jemandem darüber zu sprechen. Auch ich sollte es unbedingt für mich behalten.

Haben Sie jemals darüber geschrieben?

Es spielt eine gewisse Rolle in meinem zweiten Roman "Koe­nigs Kinder".

Ihren bisher größten Erfolg hatten Sie mit "Du stirbst nicht". Dieser Roman hat 2009 den Deutschen Buchpreis gewonnen und letztlich auch die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller aus dem Rennen geworfen. Da waren Sie wohl selbst überrascht?

Und wie. Ich hatte absolut nicht damit gerechnet.

Deshalb hatten Sie auch keine Dankesrede parat.

Die musste ich zum Glück auch nicht halten. Nur ein paar Worte, das ging schon.

"Du stirbst nicht" ist ein stark persönliches Buch, aber für mich auch ein unglaublich bewegendes. Darin arbeiten Sie Ihre eigene Krankheitsgeschichte auf. Warum nicht in der Ich-Form, sondern in der dritten Person?

In der Ich-Form hätte ich es nicht schreiben können, denn ich musste Distanz zur Hauptfigur schaffen. In allen Belangen, die die Krankheit betrafen, habe ich meine Erinnerung verarbeitet. Aber alles, was darüber hinaus mit der Person passiert, das sind nicht mehr meine Erlebnisse, das ist erfunden. Ich musste mir für die Geschichte einen fiktiven Raum eröffnen, sonst hätte ich sie zu sehr als Betroffenheitsliteratur empfunden.

Welchen Platz hat Thüringen in Ihrem Werk? Immerhin haben Sie fast die Hälfte Ihres Lebens dort verbracht.

Thüringen ist oft als atmosphärischer Hintergrund präsent. Es waren die Jahre meiner Prägung. Wenn ich zurückgehe durch die Räume meiner Kindheit und Jugend, gelange ich unweigerlich dorthin. Und selbst wenn ich andere Figuren entwerfe, spielen oftmals Thüringer Hintergründe hinein.

Leben Ihre Eltern noch dort?

Mein Vater ist vor drei Jahren gestorben. Aber meine Mutter wird zur Preisverleihung nach Erfurt kommen.