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17.06.2006

Literaturburg mit Palas

von Heinz Stade Thüringer Allgemeine

Als die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten vor zwölf Jahren Burg Ranis übernahm, drohte deren Dach auf die gleichnamige Stadt im Tal abzustürzen. Seither flossen 5,1 Millionen Euro in die ausgedehnte Anlage. 870 000 Euro kostete allein die jetzt vollen- dete Sanierung des so genannten Palas, der mit den 9. Thüringer Literatur- und Autorentagen an diesem Wochenende sogleich bestens genutzt wurde.
RANIS. Lange hatte es den Anschein, als sei die nahe der Saale gelegene wehrhafte Burganlage unter den derzeit 30 Liegenschaften der Schlösserstiftung das "hässliche Entlein". Man weiß zwar, dass die im Jahre 1990 noch unter Leitung der Stadt Ranis begonnene Sanierung bis zum Jahr 2003 über drei Millionen Euro verschlungen hat, aber wofür bloß? Wie so oft bei derartigen Großprojekten war auch hier von alledem nicht viel zu sehen, weil das meiste unterirdisch, unter der Dachhaut oder an Stellen investiert werden musste, die Besuchern oft verborgen bleiben oder von ihnen kaum als Veränderung wahrgenommen werden. So wurden über die Jahre das Dachtragwerk sowie auch die Dachbedeckung des Südflügels saniert, die Umfassungsmauern instand gesetzt, die Ver- und Entsorgungsleitungen im Burghof sowie die Heizzentrale im Süd- und Westflügel erneuert. Während in dem voraussichtlich 2007 fertigen Südflügel die Thüringer Literaturakademie seit langem für lebhafte öffentliche Nutzung sorgt, blieb der als Palas bezeichnete Teil des Nordflügels seit Jahrzehnten verschlossen. Dahinter steckt eine einigermaßen vertrackte Bau- und Nutzungsgeschichte.

Im Sommer 1664 vernichtete ein Feuer im Nordflügel mehr oder weniger jene Baulichkeiten, die als Rittersaal, Rüstkammer, Wagenremisen und Wirtschaftsräume dienten. Nachdem diese Nutzungen überflüssig geworden waren, diente der wiederhergestellte Baukörper an- nähernd 300 Jahre als Scheune. Ende der 1960er-Jahre hatte man vor, die Scheune als Hochzeitshaus herzurichten, doch die Arbeiten verliefen im Sande. Ab dem Jahr 2005 konnte sich die Schlösserstiftung daran machen, diese Gebäudeteile mit dem ursprünglichen Gedanken eines Mehrzwecksaales zu sanieren. Das Dach erhielt eine neue Schieferdeckung und zwei Gauben zur Belüftung, die Statik wurde auf den erforderlichen Stand gebracht und auch gegen die eindringende Nässe tat man das langfristig Notwendige. Im Inneren war zunächst einmal zu entfernen, was in den 1960er-Jahren schon eingebaut worden war: so beispielsweise vor die historischen Wände gesetzte Mauern und Betonfußböden (jetzt Eichen-Stabparkett), die das darunter liegende Kellergewölbe zusätzlich belasteten. Durch diesen Rückbau kam ein großer, langgestreckter Saal mit einer Art Emporen-situation zutage, der für die beabsichtigte Nutzung als Mehrzwecksaal bestens geeignet schien. Seit Freitag Abend, da der in freundliches Hell getauchte Saal mit literarischer und politischer Prominenz seine ersten offiziellen Gäste hatte, weiß man: Die Arbeit hat sich gelohnt, das Konzept geht auf. Burg Ranis liegt auf einem Bergsporn am Südrand des Thüringer Beckens und nutzt ein zerklüftetes Felsmassiv. Die rund 240 Meter lange und maximal 50 Meter breite Gesamtanlage besteht aus der inneren Kernburg, der hochmittelalterlichen Vorburg, der spätmittelalterlichen äußeren, östlichen Vorburg und dem östlichen Vorgelände. Die innere Kernburg wird von der hochmittelalterlichen Vorburg durch einen runden Bergfried abgeschlossen. Im Westen ragt ein schlanker Turm, der so genannte Hungerturm oder "Luginsland", heraus.

Mit den Bauarbeiten einhergehende archäologische Grabungen förderten Funde zutage, die auf eine erste Befestigung an diesem Ort bereits im 9. Jahrhundert schließen lassen. Burg Ranis wurde urkundlich zum ersten Mal im Jahre 1199 als Reichsburg deutscher Kaiser und Könige genannt. Eigentümer waren die Schwarzburger, die Markgrafen von Meißen, die Wettiner, die Herren von Brandenstein und Breitenbuch sowie die Preußen.

Im vorigen Jahrhundert gehörte die Burg Ranis dem Deutschen Roten Kreuz, bis amerikanische und sowjetische Besatzungstruppen dann zeitweilig Einzug hielten.