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14.03.2002

Literatur-Hochburg Ranis - Von einem kleinen, feinen Verein und seinen Aktivitäten

von Marion Kramer Verlagssonderbeilage der Zeitungsgruppe Thüringen

Das Programm steht, die Nachfrage ist groß, sogar in Berlin und Dresden interessiert man sich für die Literatur hoch oben auf der Burg im thüringischen Ranis. An zwei Juniwochenenden (14. bis 16. 6. und 21. bis 23.6. 2002)finden dort zum fünftenmal die Thüringer Literatur- und Autorentage statt.

Beim Verein Lese-Zeichen in Jena laufen die Fäden für die mehr als 60 Veranstaltungen, die in diesem Jahr vorgesehen sind, zusammen. Wie von Geschäftsführer Dr. Martin Straub zu erfahren war, wird es neben der Burg Ranis mit Suhl und Meiningen dieses Jahr weitere Veranstaltungsorte geben. Die dortigen Lesungen betreut die Literarischen Gesellschaft Thüringen in Weimar, mit der Lese-Zeichen e.V. nicht nur zu den Literaturtagen eng zusammenarbeitet. Es gibt gute Literatur in Thüringen, meint Martin Straub. Auch Lehrer sollten das zur Kenntnis nehmen und diese mehr in den Unterricht einbeziehen. Er ergänzt den Satz mit dem Sprichwort vom Propheten im eigenen Lande.

Die Literaturtage sind unsere Antwort auf die Pisa-Studie, sagt Straub weiter, und er weiß, wovon er spricht. In der Tat hat sich der Verein Lese-Zeichen die Förderung des Lesens seit langem zum Ziel gesetzt, es ist neben der Förderung thüringischer Autoren unser wichtigstes Anliegen, so Geschäftsführer Straub. Was Bibliotheken betrifft, legte Thüringen zu, neue Einrichtungen entstanden beispielsweise in Eisenach, Greiz, Jena oder Arnstadt. Aber in kleineren Städten und Gemeinden sieht

Fahrbibliotheken bringen Gäste mit

es oft sehr dürftig aus. Einen gewissen Ausgleich schaffen hier die Fahrbibliotheken, die in sechs Thüringer Regionen regelmäßig unterwegs sind. Und manchmal fährt sogar ein Adliger mit: Andreas vom Rothenbarth, der Märchenerzähler(s. Foto). Er hatte die Idee, mit dem Bücherbus vor Ort zu kommen und den Leuten Geschichten zu erzählen. Seine Kolleginnen Eva-Maria Bollwahn und Verena Zeltner griffen die Idee auf und begleiteten ebenfalls die Fahrbibliothek erzählenderweise durchs Land.

Etwa 70 Märchen hat Andreas vom Rothenbarth abrufbereit im Kopf. Nicht nur Kindern bringt er sie nahe, auch Erwachsenen tuen Märchen hin und wieder gut, meint er. Wer Märchen für Verliebte, so lautet sein neues Programm, hören möchte, darf die Museumsnacht in Arnstadt am 25. Mai im Schlossmuseum nicht verpassen.

Schüler werden Ko-Autoren

Zuhören ist das eine, selbst tätig sein das andere. Zwischen Himmel und Erde werden Schüler zu Koautoren. So heißt ein Projekt von Lese-Zeichen e.V., das im Herbst 2002 nach dem ersten Versuch in Weimar nun in Jena seine Fortsetzung finden soll. Mit im Boot sind die Stiftung Weimarer Klassik, die Kulturdirektion Weimar, die Friedrich-Ebert -Stiftung und die Literarische Gesellschaft Thüringen. Das Projekt läuft folgendermaßen: Autoren geben ein Stück einer Geschichte vor, Schüler vervollständigen sie. Erstaunliche Dinge kamen zustande, Geschichten, wie sie die Autoren nicht erwartet hatten und die sie teilweise zu heftigen Diskussionen veranlassten. Aber auch das ist gewollt: Auseinandersetzung und Dialog mit und über Literatur. Aktiv und kreativ sein heißt es für junge Leute ab 16 Jahren auch zur Sommerwerkstatt vom 25. bis 28. Juli auf Burg Ranis. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Matthias Biskupek und dem Grafiker Andreas Berner soll ein originalgrafisches Buch entstehen, zu dem jeder der Teilnehmer etwas beisteuern kann. Anmeldungen zu dieser Sommerwerkstatt sind bis zum 1. Juni möglich, Infos dazu gibt es unter 03641/616763, info@lesezeichen-ev.de.
Mit der Sommerwerkstatt, Lesungen, Weiterbildungsveranstaltungen, der Literaturakademie und natürlich den Thüringer Literatur- und Autorentagen ist die Burg Ranis zum Zentrum des Vereins Lese-Zeichen geworden.

Auf der Burg zuhause

Hier finden auch Autoren von Mai bis September ein ruhiges Zuhause, denn für sie wurden zwei Wohnungen auf der Burg eingerichtet. So hat sich Ranis über die Jahre zur Literatur-Hochburg gemausert. Zu den 2 100 Raniser Einwohnern gehört Andreas Gliesing, der wohl literaturinteressierteste Bürgermeister Thüringens, wie Martin Straub meint. Verständnisvoll und hilfreich sei er, verpasse keine Lesung. Er gehört zu denen, die den Verein aktiv unterstützen, schließlich hat Lese-Zeichen e.V. nur 26 Mitglieder, aber keine ruhenden, wie Martin Straub weiß. Alle bringen sich ein, und nur wer dazu bereit ist, ist uns als Mitglied willkommen.

Wenn im Juni die 5. Literaturtage auf der Burg eröffnet werden, wird es zum vierten Mal mit Lyrik Jazz Prosa sein, einer Veranstaltungsreihe, die zu recht in guter Erinnerung ist und nun kreative Fortsetzung findet. Hellmuth Karasek wird über Betrug reden, Christoph Hein und Christoph

Gut gemischtes Literaturprogramm

Dieckmann haben zugesagt, Feridum Zaimoglu zeigt, mit welchen Problemen türkische Jugendliche in Deutschland aufwachsen, Barbara Krohn liest Krimis, Elisabeth Hochstein und Jusuf Naoum erzählen Märchen. Die junge Jenaer Firma Timespin realisierte für Lese-Zeichen e.V. den Internetauftritt (www.lesezeichen-ev.de), wo man das komplette Programm nachlesen kann.

Nicht nur der Pisa-Studie wegen übernahm Dagmar Schipanski wieder die Schirmherrschaft über die Literaturtage, ihr Ministerium gehört seit Jahren dankenswerterweise zu den Förderern, so Straub. Unterstützt wird Lese-Zeichen e.V. auch durch die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und den Graphischen Großbetrieb Pößneck, mit dem der Verein eine gute Zusammenarbeit pflegt. Die Stadtwerke Jena und Pößneck sponsern nicht nur die Literaturtage, sondern auch den bekannten Lesemarathon im November, aber das ist eine Erfindung der Ernst-Abbe-Bücherei Jena, mit welcher der kleine, aber feine Verein Lese-Zeichen gern zusammen wirkt. M. KRAMER