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08.12.2010

Literarisches Weihnachtsgeschehen in der Stadtbücherei

von Bettina Keller Freies Wort

Thüringer Autoren lesen im Rahmen der 13.Weihnachtslesungen des Thüringer Schriftstellerverbandes kostenfrei in und um Suhl aus ihren Texten.

 

Suhl – Eine wunderbare Einstimmung auf die Weihnachtszeit bot die zentrale Hauptveranstaltung der 13. Weihnachtslesungen des Thüringer Schriftstellerverbandes am Samstag in der Stadtbücherei. Zur besten Stunde der inneren Einkehr, wenn der trübe Tag spurlos in der frühen Winterdämmerung verschwindet, haben sich vier Autoren zurechtgesetzt, um ganz umsonst, aber mit viel Enthusiasmus aus ihren Werken vorzutragen. Das Angebot, dem Lesungen in und um Suhl vor-, bei-, und nachgeordnet sind, stemmt sich gegen den Kommerz und möchte als kulturelles Weihnachtsgeschenk allen Menschen die Möglichkeit zum Atemschöpfen und Nachdenken bieten.

Unterstützt werden die Lesungen von der Sammelkanal- und Beteiligungsgesellschaft, vom Südthüringer Literaturverein, von Lese-Zeichen e.V. Jena und dem Friedrich-Bödecker-Kreis Thüringen. Zum dritten Mal, so Bibliotheksleiterin Irmhild Roscher, fand die Zentralveranstaltung im Lesewürfel statt. Sie führte die Lesenden ein: Horst Wiegand aus Steinheid, Musiklehrer, Fotograf, Tenor und Lyriker, Frank Quilitzsch aus Nohra, Kulturredakteur, Publizist, Reiseschriftsteller, Ulrike Blechschmidt aus Zella-Mehlis, Moderatorin, Schriftstellerin und Deutschlehrerin, sowie Ingrid Annel aus Erfurt-Tiefthal, Kabarettistin, Dramaturgin und Autorin.

In Wintergedichten „gegen die Kälte oder für den wärmenden Schnee“ eröffnete Wiegand die Runde mit tiefgründigen Wortkonstellationen, die teils in Haiku-Form verpackt waren. Viele von ihnen finden sich in seinem jüngsten Buch „Stilles Licht in Grün gesunken“. Den November erfasste er mit den sensiblen Anfangszeilen „Hauch von Schnee, der jede Form erhöht“. Im Verlauf der Lesung bot Horst Wiegand immer wieder stille Lyrik-Inseln in der (Kurz-)Prosa seiner Kollegen.

Frank Quilitzsch entführte in warme Gefilde. Seit 1997 hat er Vietnam acht Mal besucht. Vor einer Woche erschien unter dem Titel „Hanoi, meine Liebe“ die Fortsetzung von „Hanoi-Berlin-Nha Trang“. Aus dieser Reise-, Familie- und Liebesgeschichte las er Passagen vor, die Exotisches und Allzubekanntes aus der DDR-Vergangenheit gleicher Maßen widerspiegelten. Farbfotos, die durch das Publikum wandern durften, stützten die Fähigkeit der Zuhörer, dem Vorgelesenen in der Vorstellung ein passendes Kleid zu verpassen, und wurden mit Hingabe betrachtet. Ulrike Blechschmidt kam mit zwei modernen Weihnachts-Geschichten sozusagen zur Sache: Zuerst gab es keine Weihnacht für zwei Kinder, die sich deshalb kurz vor Mitternacht aufmachen, um den Weihnachtsmann zu suchen. In der zweiten Leseprobe führte ein lebendiges Krippenspiel unter Mutters konsequenter Fuchtel zu vielen unbequemen Enthüllungen der Kinder. Eben eine echt schöne Bescherung. Zum Schluss richtete Ingrid Annel einen bunten Weihnachtsteller für Kinder zwischen 5 und 105 Jahren an. Er bot dem Publikum viele herzerwärmende Erkenntnisse. Jetzt weiß jeder, wie die Eselsohren in die Bücher und die Staubflocken in die Hosentaschen kommen, und wo die Lebkuchen herstammen. In Annels zuckersüßen Fortsetzung des Märchens von Goldmarie und Pechmarie war letztere Frau Holle, die schwer erkrankt ist, zu Hilfe geeilt. Mit kleinen, dunklen, würzigen Kuchen erweckte sie ihre Lebensgeister wieder, und sie gesundete. Zum Dank wurde Pechmarie durch einen Zauberregen vom Pech reingewaschen, sie heiratete den Bäcker und buk, immer wenn Frau Holle die Schneeflocken wirbeln ließ, braune Lebkuchen. Mit einer kleinen Anekdote über Schiller und Goethe und einem Buchausblick auf die im nächsten Jahr erscheinenden „365 Kindergeschichten“ beschloss Ingrid Annel ihren Part, der alle verborgenen Kinder inden erwachsenen Zuhörern hat erstrahlen lassen. Ach, wär’ doch das reale Weihnachtsfest so besinnlich wie diese bewegende Stunde …