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21.02.2009

Literarisches Ereignis

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) Der Schriftsteller Reiner Kunze erhält den Thüringer Literaturpreis 2009.

Die Literarische Gesellschaft Thüringen e. V. ehrt damit den bekannten Lyriker und Nachdichter, der von 1962 bis 1977 in Greiz gelebt hat, für sein Gesamtwerk. Die mit 6000 Euro dotierte und von der e.on Thüringer Energie AG gestiftete Auszeichnung wird ihm am 5. September in der Weimarer Jakobskirche überreicht.
Der 75-jährige Kunze ist nach Sigrid Damm und Ingo Schulze der dritte Thüringer Literaturpreisträger. Die Jury würdigt vor allem sein umfangreiches lyrisches Schaffen; Kunzes Gedichtbände wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt. "Ein literarisches Ereignis", so Jury-Vorsitzender Wulf Kirsten gestern gegenüber der TLZ. Mit seinem jüngsten Gedichtband "lindennacht" (2007) habe sich Kunze erneut als "Meister unverwechselbarer poetischer Verdichtungskraft und Sensibilität" erwiesen. Er leiste auch einen beträchtlichen Beitrag als "Mittler zwischen den Literaturen" - insbesondere als Nachdichter aus dem Tschechischen, wobei die Übersetzungen der Lyrik Jan Skácels einen Höhepunkt bilden.

Die Jury, der neben dem Weimarer Schriftsteller Kirsten noch der Literaturwissenschaftler Martin Straub (Jena) und der Lektor Ulrich Steinmetzger (Halle) angehören, erinnert an Reiner Kunzes kritische Haltung gegenüber dem Erziehungssystem der DDR. In seinem Band "Die wunderbaren Jahre" beschrieb er in Momentaufnahmen den Alltag der DDR-Jugend, die zu Anpassung und Gehorsam erzogen wird. "In den Jahren, die er in Thüringen verbrachte, wurde er mit seiner politischen Haltung unter schwierigsten Lebensbedingungen zu einem Vorbild für jene Jugendlichen in der DDR, die mit dem Stillhalteabkommen der Vätergeneration gebrochen hatten", heißt es in der Begründung zur Preisvergabe.

Reiner Kunze wurde 1933 in Oelsnitz im Erzgebirge geboren. Als Journalistikstudent in Leipzig hörte er Vorlesungen von Hans Mayer und Ernst Bloch. 1959 veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband und musste später seine Universitätslaufbahn aus politischen Gründen beenden. Nach zweijähriger Arbeit als Hilfsschlosser zog er nach Greiz, wo er als freischaffender Schriftsteller von der Stasi observiert wurde.

Wegen seiner kritischen Texte wurde Kunze 1976 aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen; er protestierte gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann und stellte 1977 selbst einen Antrag auf Entlassung aus der DDR-Staatsbürgerschaft. Seither lebt er in Obernzell-Erlau bei Passau. 1978 erhielt er für sein literarisches Schaffen den Georg-Büchner-Preis.