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22.06.2013

Literarische Festtage in Ranis: Zu Beginn Denkwürdiges und leise Töne

von Mario Keim Ostthüringer Zeitung

Martin Straub (rechts) vom Verein Lese-Zeichen begrüßt Satiriker Eckhard Henscheid, der seine Memoiren vorstellte. Foto: Mario Keim

Ranis erlebt seit gestern zum 16. Mal die literarischen Festtage, veranstaltet vom Verein Lese-Zeichen e.V.

Ranis. Schräge Vögel unter den Autoren sind in Ranis keine Seltenheit. In bester Erinnerung sind zum Beispiel Harry Rowohlt, der hier zwei Mal zu Gast war, aber auch Schauspieler Rolf Zacher, der 2003 die Kleinstadt vergeblich vor den Toren Weimars suchte, um dann mit reichlich Verspätung doch auf der Burg anzukommen.

Seriös zeigte sich am Donnerstag Eckhard Henscheid, der zum Auftakt des viertägigen Veranstaltungsreigens im Rahmen der 16. Thüringer Literatur- und Autorentage seine Memoiren unter dem Titel "Denkwürdigkeiten" vorstellte.

An witzigen Anekdoten mangelte es nicht, gilt doch der gebürtige Oberpfälzer als großer Humorist. Der 71-Jährige ist Mitbegründer der Satirezeitschrift "Titanic". Er schrieb Romane, Erzählungen und Musikkritiken. Und Eckhard Henscheid glänzte mit Fachwissen über Fußball. Glaubhaft versicherte er den Zuhörern, dass er unter den 82 Millionen Bundesbürgern der einzige sei, der nicht nur die Namen aller deutscher Spieler im WM-Finale 1954 wusste, sondern auch alle des Gegners aus Ungarn. Und er las sie tatsächlich vor. Als sicher gilt auch, dass er und der 1993 in Saalfeld geborene mit ihm befreundete Schriftsteller Ror Wolf dem Frankfurter Fußballer Bernd Hölzenbein in die deutsche Nationalmannschaft verholfen haben. Erst dessen "Schwalbe" und der daraus resultierende Elfmeter habe zum WM-Erfolg der Deutschen 1974 im Finale gegen eine "überlegene Elf aus den Niederlanden" geführt, ist sich Henscheid sicher.

Die heiteren Episoden waren Ausklang eines Abends, der mit vergleichsweise leisen Tönen begonnen hatte. Die Autorin und Kunsthistorikerin Daniela Danz, Gitarrist und Musikpädagoge Christian Rosenau sowie Autorin Nancy Hünger lasen zur Einstimmung in das viertägige Programm jeweils Lyrik. Jens-Fietje Dwars moderierte das Programm der Thüringer Autoren und präsentierte im Anschluss in einer Ausstellung Einbände der Literaturzeitschrift "Palmbaum", die seit 2005 von Grafikern aus Thüringen gestaltet werden. Dazu gehören Andreas Berner, Horst Sakulowski, Gerlinde Böhnisch-Metzmacher und Kay Voigtmann. Dwars ist seit 2005 Chefredakteur der Zeitschrift "Palmbaum", die ihr 20-jähriges Bestehen feiert. Die Arbeiten der Künstler sind an allen Tagen des Lesefestivals zu sehen.

Nicole Schlabach, Kunsthistorikerin und Mitarbeiterin beim langjährigen Förderer Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, würdigte die Arbeit des Lese-Zeichen e.V. "Damit ist Qualität in ganz Thüringen gesichert." Die Frau aus Frankfurt/Main, die schon in Ranis war und dabei anlässlich einer Lesung eine volle Gaststätte "Zur Schmiede" kennenlernte, war das erste Mal bei den Literaturtagen zu Gast. "Das muss doch Literaturstadt Ranis heißen", wunderte sich die Besucherin über die falsche Bescheidenheit. Begeistert zeigte sich Nicole Schlabach auch über den Programmteil mit Lyrik von drei Autoren aus Thüringen.

Birgit Riemann, Stadträtin und Mitglied im Kultur- und Sozialausschuss, vertrat Bürgermeister Andreas Gliesing, der zur Kur ist. "Als ich vor 14 Jahren mit meiner Familie von Kärnten hierher gezogen bin, da habe ich nicht gewusst, wo Ranis liegt. Heute sage ich, dass ich aus Ranis komme und erhalte oft als Reaktion den Zusatz Literaturburg." Birgit Riemann sprach anerkennend von einem "aufgeweckten Publikum" und lud alle Besucher ein, "Literatur mit allen Sinnen zu genießen."

Vereinsvorsitzender Andreas Berner dankte allen Sponsoren für ihre zum größten Teil langjährige Unterstützung sowie den Mitarbeiterinnen und Helfern. "Das Programm macht deutlich, dass die Literaturtage ein Flächenfestival sind." Während der Zeit vom 1. Mai bis 31. Juli finden an 26 Orten 40 Veranstaltungen statt. Zu den Höhepunkten gehören die Lesung mit Roger Willemsen