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14.09.2006

Liszt-Villa als Ort der Begegnung

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) 1806 sprachen die Kanonen, 2006 haben die Künste das Wort - Autoren und Musiker der einst kriegführenden Nationen pflegen einen friedlichen Austausch. So etwa lässt sich das Motto "Trikolore" der am Sonnabend beginnenden neuen Folge Weimarer Lesekonzerte interpretieren. Drei deutsche, ein französischer und ein russischer Vertreter der schreibenden Zunft stellen sich in den Monaten September bis Dezember in der Kulturstadt vor. Zum Auftakt liest der Weimarer Jurist und Schriftsteller Christoph Schmitz-Scholemann "Die Rache des Figaro".
Trikolore, die dreifarbige Fahne, lasse natürlich zuerst an die Franzosen denken, räumt Initiator Martin Straub vom Thüringer Lese-Zeichen e. V. ein und schlägt anlässlich des 200. Jahrestages der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt ein Gedankenexperiment vor: "Auf die drei Grundfarben Gelb, Rot und Blau reduziert sich der Fahnen-Farb-Kanon, wenn wir den französischen, russischen und deutschen Nationalfarben das Schwarz und Weiß abspenstig machen - jenes Schwarz und Weiß mag für Ideologien stehen, die Menschen zu Soldaten und Tötungswerkzeugen machte."

Kulturbotschafter dieser neuen Farbenlehre ist z. B. Graf Wladimir Tolstoi, Urenkel des großen russischen Dichters Lew Tolstoi und Direktor des ihm gewidmeten Museums, der sein Projekt Jasnaja Poljana vorstellen wird (7. Oktober). Ferner werden der französische Lyriker Michel Deguy und sein Übersetzer, der Jenaer Literaturwissenschaftler Jan Röhnert, in Weimar auftreten (11. November). Den Schlussakkord setzt am 9. Dezember der Übersetzer und Verleger französischer Lyrik Rüdiger Fischer. Musikalisch werden die Lesungen von Studenten der Weimarer Hochschule für Musik "Franz Liszt" begleitet.

Weimar als Ort europäischen Begegnens - dieser Gedanke hat Tradition und wird seit dem Kulturstadt-Jahr 1999 immer wieder mit Leben erfüllt. Damals hatte der Lese-Zeichen-Manager Straub die Reihe in Kooperation mit der Klassik-Stiftung, dem Kulturamt und der Musikhochschule unter dem Namen "Weimarer Tangenten" aus der Taufe gehoben. Ein Jahrgang war den Beziehungen zwischen Orient und Okzident gewidmet ("Morgenland für Frühaufsteher"), ein anderer wandte sich besonders an junge Leser und Zuhörer. Im Herder-Jahr gab es "Stimmen der Völker" und im Schiller-Jahr einen "Springquell" verschiedenster Annäherungen an den Klassiker.

"In diesem Jahr sollen in Wort und Musik Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Perspektiven der Länder Frankreich, Russland und Deutschland vorgestellt werden", fasst Projektleiter Straub das Anliegen zusammen. "Begegnungen ganz im Sinne des Weimarer Weltbürgers Johann Gottfried Herder, bei dem jede Stimme im Chor der Völker ihr eigenes Gewicht hatte." Veranstaltungsort ist jeweils die Villa Altenburg, in der Franz Liszt gelebt und komponiert hat.

i Auftakt mit Christoph Schmitz-Scholemann: Sonnabend, 16. September, 17 Uhr, Villa Altenburg in Weimar; Gesamtprogramm unter: www.lesezeichen-ev.de