Presse - Details

 
10.10.2009

Liebe/Brussig: Wende. Wandel. Wiedersehen.

von Frank Quilitzsch TLZ

Alle haben gekuscht, ich nicht", sagt Dietmar Geier. "FDJ, Fahnenappell - ohne mich. Ich hab´ mich immer mit allen angelegt." Auf einem Foto sieht man ihn mit seiner Tochter von hinten, sie kommen von einer Demo, das Kind trägt eine DDR-Fahne, der Vater eine Flagge mit der Aufschrift "Keine Macht für niemand". Das war am 2. Dezember 1989. Auf einem weiteren Foto, aufgenommen am 6. Januar 2009, steht Geier mit verschlossenem Gesicht auf der Breiten Straße in Potsdam, wo er heute lebt. Er ist arbeitslos, hatte zeitweilig eine ABM-Stelle, musste dreieinhalb Jahre wegen Dealerei in Brandenburg absitzen.
Der in der Freiheit gestrandete Hilfsarbeiter ist nur einer von einem Dutzend Ostdeutscher, die der Fotograf Joachim Liebe in der Wende-Zeit eher zufällig aufgenommen, zwanzig Jahre später ausfindig gemacht und - am selben Ort - noch einmal fotografiert hat. Um in Bild und Wort die Veränderungen zu dokumentieren. Diese "Montagen" machen den von Thomas Brussig herausgegebenen Foto-Band "Wende. Wandel. Wiedersehen" zu einem zeitgeschichtlich interessanten publizistischen Ereignis.

Es sind zumeist unbekannte Zeitgenossen, die hier in von Martin Ahrends aufgezeichneten Selbstauskünften über ihr Leben davor und danach berichten - mit zwei Ausnahmen: Günther Krause, als Parlamentarischer Staatssekretär der letzten DDR-Regierung für den Vereinigungsvertrag zuständig, und Christoph Singelnstein, damals Intendant des DDR-Rundfunks.

"Das Projekt von Joachim Liebe fürchtet sich nicht vor der Entzauberung und Profanisierung", schreibt Brussig in seinem Vorwort zu dem Band, der neben jenen Doppel-Porträts auch noch viele wunderbare, bewegte, stille, nachdenkliche, poetische, in jedem Falle aussagekräftige Bilder aus der Zeit der Wende enthält. Bilder vom euphorischen Auf- und Mauerdurchbruch, vom Schlangestehen bei der Währungsunion, dem Ausverkauf der DDR-Waren bis zu den Trödlermärkten, auf denen die Symbole der SED-Macht landen.

"Die Wende war ein einzigartiger Moment in der Geschichte, und der Mauerfall war es erst recht. Niemals davor und danach wurden so viele Menschen so überraschend von so starken Glücksgefühlen, ausgelöst durch politische Ereignisse, überwältigt", schreibt Brussig. Dennoch, die für eine Befragung zwanzig Jahre später ausgewählten Personen zeigen zumeist nachdenkliche Gesichter. Barbara Mädler-Vormfeld z. B., 1989 Regieassistentin, hielt ein Schild mit der Aufschrift: "Neue Männer braucht das Land". Heute ist sie Rentnerin, schätzt den Gewinn persönlicher Freiheit und vermisst substanzielle Veränderungen in der Gesellschaft. Und die neuen Männer? Günther Krause ist sehr rasch wieder von der politischen Bühne verschwunden. "Was ist am Einigungsvertrag falsch gelaufen?" verteidigt sich Krause, so wie man ihn kennt. "Am Vertrag gar nichts, aber an der Umsetzung. Weil 40 Prozent des Einigungsvertrages nicht umgesetzt sind."

Bleibt noch, all dem die Geschichte des Fotografen Joachim Liebe, Jahrgang 1955, hinzuzufügen, der gelernter Elektriker war, 1985 eine schlecht bezahlte Arbeit beim Kulturbund begann, wo er seiner Leidenschaft, dem Fotografieren, näherzukommen hoffte. Der Herbst ´89 war seine Stunde Null, in der er seinen festen Arbeitsplatz mit dem auf der Straße tauschte, und dort war er in entscheidenden Momenten mit seiner Kamera am richtigen Ort.

i Joachim Liebe, Thomas Brussig: Wende. Wandel. Wiedersehen - 20 Jahre danach. Koehler & Amelang Verlag, Leipzig, 128 Seiten mit 80 s/w-Abb., 19,90 Euro