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10.04.2008

Licht über der Landschaft. Thüringen als Nährboden für junge Literatur

von Andre Schinkel kunststoff Leipzig

Wer im Schatten der großen Vorbilder agiert, macht es sich, will man meinen, nicht leicht. Literarische Vorbelastung ist zudem eine Sache, an der man in Zeiten herrschender Rat- und hereinbrechender Kritiklosigkeit besonders schwer trägt. Die Literatur, abgesehen davon, dass sie im Glücksfall über der Zeit steht, kündet nichtsdestotrotz von den Jahren, in denen sie entsteht, hat delektierende wie historiografische Funktion, redet über die Möglichkeiten ihrer epochalen Gnade und ihres Verhältnisses zu ihren Konsumenten. Was, wenn die Zeit der Kunst nicht wirklich gesinnt ist, auch wenn sie es sich leisten könnte; was, wenn die Autoren selbst bei dem Versuch, der Vorgabe zu trotzen, ins Schlingern geraten?

?In Erwartung geschlossen / hebt sich das Land / und eröffnet eine / wortlose Distanz? ? so beginnt Nancy Hünger in ihrem wunderbar leichten wie kräftig-entschlossenen Debüt ?Aus blassen Fasern Wirklichkeit? (Edition Azur 2006) und setzt das Motto und die Möglichkeit, auch im Ablicht des altvorderen Glanzes zu einem selbstbewussten Statement zu gelangen. Das Licht über der literarischen Landschaft: Mahnung und Ansporn, Fußangel und Kraftprobe zugleich ? in der Arbeit der jungen Erfurterin bedeutet es Poesie und Purgatorium in einem, schließt an uraltes magisches Gut, hält in einer trotzigen Schwebe von Staunen und Entsetzen den eigenen Ton. In der Suche nach Vorbildern wird man sich ein wenig umsehen müssen, der Verweis auf die Weimarer Dichterin Gisela Kraft dürfte fallen, wenngleich Arten und Weisen des Herangehens an den Stoff durchaus different erscheinen. Der Zusammenklang ist, so bleibt zu vermuten, auf einer anderen Ebene zu suchen.

Thüringen, jenes auf den ersten Blick idyllischste unter den mitteldeutschen Ländern, hat, denkt man gern, an seiner literarisch schier erdrückenden Vorlast ziemlich zu tragen; einer Vorlast, die ihren Höhepunkt am Ende des 18. Jahrhunderts mit der Installation Weimars als kulturelles ?Weltnest? findet und bis in die erwachsene Gegenwart reicht: Vom Sängerkrieg auf der Wartburg über den Erotiker Menantes, Goethe natürlich, Schiller, bis zu Sarah Kirsch, Reiner Kunze, Wulf Kirsten oder Lutz Seiler, die zu den bedeutendsten heutigen Lyrikern im deutschsprachigen Raum zu zählen sind. Große Namen, die angehenden wie aufstrebenden Talenten Respekt einflößen und ggf. den Ruf nach Schützenhilfe laut werden lassen.

In der Realität scheint es das Potential an Reibung und Widersprüchen zu sein, das bis heute immer wieder neue und aufsehenerregende literarische Begabungen auf thüringischem Boden nachrücken lässt. Das ? so Kirsten ? ?Thüringer Meer? als Talentschmiede: dieser Ruf muss erst einmal in die ausgewiesenen Literaturstandorte vordringen ... und doch ist er nicht von der Hand zu weisen. Gestützt durch ein ausgeklügeltes System an Maßnahmen, die vor allem dem Engagement des Literaturrats wie der wichtigen Vereine im Land zu verdanken sind, entstand u. a. so ein Netzwerk aus Veranstaltungsreihen und Plenairs, das der Sichtung und zeitigen Förderung des schriftstellerischen Nachwuchses dient.

Die Ausbeute dieses feinsinnigen Schreibanstoßes kann sich inzwischen sehen lassen. So sind, mehr oder minder unter den Fittichen der Vorangehenden eine Reihe neuer Autoren in den Blick getreten, einige mit erheblichem Erfolg. Der gebürtige Jenenser Ron Winkler etwa, der sich dank Leonce-und-Lena- und Mondseer Lyrikpreis in die Annalen der Literatur einschrieb, lebt heute in Berlin und hat sich, ausgehend vom Eindruck Durs Grünbeins, mit seinem dritten Gedichtband ?Fragmentierte Gewässer? (Berlin Verlag, 2007) gewissermaßen freigeschrieben ? gegen die frühen Posen setzt er heute die Attitüde des kühlen Ding- und Denkgedichts. Wort- und weltstrichgewandt auch der Weimaraner Jan Volker Röhnert, sein jüngster Band ?Metropolen? erschien im Münchner Carl Hanser Verlag.

Winkler und Röhnert ? zwei an sich antipodische lyrische Glücksfälle, werden so zart-forsch wie unüberhörbar flankiert von der beharrlichen Arbeit von Daniela Danz. Die gebürtige Eisenacherin, im schwangeren Schatten eben jener Wartburg aufgewachsen, besingt in ihrem ersten Gedichtbuch ausgerechnet die Gegend, in die es sie mittlerweile verschlagen hat: ?Serimunt?, jenes versunkene Land zwischen Saale, Elbe und Mulde, das sich um die außerthüringischen Kraftzentren Halle und Leipzig fächert. 2006 erschien ihr viel diskutierter ?Türmer?-Roman. An Daniela Danz, insgesamt dreimal mit dem hessisch-thüringischen Literaturpreis und einer weiteren Reihe Ehrungen bedacht, lässt sich triftig die Aufbauarbeit in der Begleitung von der Jung- zur anerkannten Autorin ablesen, die mittlerweile in Workshops und Seminaren selbst um die Beförderung des Nachwuchses bemüht ist.

Denn schon ist es eine weitere Generation junger Thüringer, die in den Blick tritt und nach Mentorenschaft verlangt. Neben Nancy Hünger und Einzelkämpfern wie dem Saalfelder Edgar Leidel, einer Art edlem Social-Beatnik, wären da Simone Unger, Katrin Marie Merten oder Christian Rosenau zu vermelden, deren Bemühungen bereits erste Früchte in Form von Einzel- und Zeitschriftenveröffentlichungen zeitigten. Von einiger Wichtigkeit bleibt der Umstand, dass ein verdienstvolles Unternehmen wie die aus der ?Thüringen-Bibliothek? erwachsene ?Edition Muschelkalk? unter der Herausgeberschaft von Kai Agthe von Bestand ist und die einzige Literaturzeitschrift im Land, der ?Palmbaum?, ihre Arbeitsfähigkeit behält. Für die weiteren Sichtungs- und Fördermöglichkeiten erscheint dies unerlässlich.

Apropos Schützenhilfe: Von enormem Gewicht ist dabei die Arbeit des Jenenser Lesezeichen e. V. und seines langjährigen Geschäftsführers, Martin Straub. Unter seiner Ägide entstand die Idee der Literaturburg Ranis im Ostthüringischen, die mit einer Vielzahl von Aktivitäten weithin ins Land ausstrahlt. Überhaupt: Ranis, mit knapp 2000 Einwohnern die kleinste Stadt Deutschlands, die sich das symbolische Amt eines Stadtschreibers leistet, genießt so seit über zehn Jahren einen seltsamen Nimbus, auch, was die Förderung des literarischen Nachwuchses betrifft. Straubs Konzept, die Literatur ?durch die Provinz in die Welt? zu bringen, hat dabei etwas so Anrührendes wie Durchschlagendes: Besucherzahlen auf den Lesungen, die jeder Metropole zur Ehre gereichten; die Burg als Objekt der kreativen Erregung an sich; die freundliche Nachsicht der Einwohner gegenüber den Literaturvolk ...

In einem verlorenen Landstrich das Beharren durch die Literatur herbeizuführen, das zeugt schon von einigem Vertrauen in die Sache. Einmal im Jahr findet in Ranis der Workshop für den schreibenden Nachwuchs statt, 2008 soll es erstmals eine gemeinsame Unternehmung zwischen den Künsten und dem Naturschutz geben: ein Lehrpfad soll dabei entstehen, ein Buch. Überwältigend auch der Erfolg der Reihe ?WortKlang?, in der bekannte Lyriker mit ihren jungen Pendants ?verpaart? werden: in Verbindung mit Musik zieht das schon mal 120 Zuhörer an, in der Provinz wohlgemerkt, in den kleineren Städten. Ein schönes Fanal, um für die Kraft der Literatur und den Sinn ihrer Weitergabe einzustehen ? in den Jahren, da es um die Kultur des mitteldeutschen Landstrichs nicht allzu rosig steht, ist das vielleicht ein so guter wie todesmutiger Anlass für Zuversicht. Der Nachwuchs wird?s danken. Und den Altvorderen mit Wohlwollen erfülln.