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08.07.2005

Letzte Etappe zu zweit

von Frank Quilitzsch TLZ

Geisa. (tlz) Eigentlich ist er Frühaufsteher. Doch heute verzögert sich der Aufbruch zum Kolonnenweg. "Wir sind im hessischen Soisdorf. Mein Freund schläft gern etwas länger", erklärt "Grenzgänger" Landolf Scherzer am Telefon.

Seit elf Monaten wandert der in Südthüringen lebende Schriftsteller die ehemalige Grenze zwischen Thüringen, Bayern und Hessen ab, um über die Veränderungen im Leben der Menschen zu schreiben, und jetzt befindet er sich quasi auf der Zielgeraden. Für die letzte Etappe - die Strecke von Geisa nach Vacha - hat er einen prominenten Begleiter: Günter Wallraff wandert an seiner Seite.

"Das war ein lang gehegter Wunsch von uns, mal etwas gemeinsam zu unternehmen", freut sich Scherzer. Die Autoren verbindet über ihre langjährige Freundschaft hinaus eine Menge. Beide sind mit sozialkritischen Reportagen bekannt geworden - Scherzer mit seinen Bänden über den Ersten Kreissekretär und den ersten Landrat nach der Wende in Bad Salzungen, Wallraff mit seinen inkognito recherchierten Büchern "Ihr da oben - wir da unten" und "Ganz unten". Scherzer glaube zwar nicht, dass Wallraff etwas zu seinem im Aufbau-Verlag erscheinenden Grenzgänger-Buch beisteuern wird, zumal es bis auf die letzten Kapitel bereits fertig ist. Doch der bei Köln geborene und in der Bundesrepublik großgewordene Autor habe einen "anderen Blick" und liefere ihm wichtige Anregungen.

Günter Wallraff kannte die Berliner Mauer, doch sei nie an der Grenze zu Thüringen gewesen, so Scherzer. "Der ist neugierig auf Geschichten, die während der Teilung hier passiert sind. Mich interessiert mehr die Gegenwart."

Im thüringischen Buttlar beispielsweise habe Wallraff einen Mann getroffen, der als 16-Jähriger abgehauen war und im hessischen Soilsdorf im Gaststättengewerbe gearbeitet hat. Nun, nach 30 Jahren, sei er wieder in sein Heimatdorf zurückgekehrt.

Und was hat Scherzer in Soisdorf erfahren? "Dass hier neuerdings in der Kneipe zur Begrüßung auf den Tisch geklopft wird. Das kannten die vorher nicht." Das hätten die erst nach der Wende von den Nachbarn aus dem thüringischen Wenigentaft gelernt.

"Ich muss Schluss machen", sagt Scherzer, "mein Begleiter ist aufgewacht. Wir gehen jetzt Frühstücken."

Es ist kurz nach neun, und die beiden werden den Zeitverlust aufholen. Wallraff ist trainierter Langstreckenläufer und Scherzer lässt sich nicht so leicht abschütteln.