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28.10.2006

Lesung mit Lyrik und Laptop

von Lilo Plaschke Thüringer Allgemeine

Zweimal erfreute Tanja Dückers das wieder zahlreich erschienene Hebstlese-Publikum: in Sömmerda und am Abend darauf in Erfurt.
ERFURT. Um einen ganzen Roman vorzustellen, braucht es Geschick. Wie zu vermuten, entschied sich Tanja Dückers inmitten der Bücherregale von Buch Habel am Anger für das abschließende, das wichtigste Kapitel ihres neuen Buches "Der längste Tag des Jahres". Ein lockerer Zusammenschnitt machte bekannt mit dem verlorenen Sohn Thomas, dem nach Kalifornien Ausgewanderten, den die Nachricht vom Tod des Vaters erst nach zwei Monaten erreicht, aber nicht minder erschüttert. Es ist die eindringlichste von den Geschichten der fünf Geschwister, mit denen Tanja Dückers eine ganz besondere Sicht auf die Auseinandersetzung der Generationen ermöglicht.

Nicht schwarzweiß sieht sie das, aber auch nicht versöhnlerisch. Weil es, wie sie insistiert, einfach nicht stimmt, dass ihre Generation (Jahrgang 1968) sich für nichts interessiert. So gibt die Enddreißigerin nicht nur in ihrer Prosa den Nachgewachsenen eine Stimme, der auch das entschiedene Nachfragen nach der NS-Aufarbeitung Bedürfnis ist. In klaren Essays recherchiert die junge Frau den Hintergrund, die Plattform für ihre Prosa.

Entschlossen klappt sie ihren Laptop auf, so einen silbrigen kleinen, und wagt den Sprung von der Prosa zur Reportage. Nimmt uns mit auf die Reise in die kalifornische Wüste, dorthin, wo ihr Romanheld, der Verfahrenstechniker Thomas, mit seinem Wüstenkind Sami im Hinterhof Amerikas die Un-Orte kartografiert und wo die Amerikaner die Attrappen vom Atombombenabwurf in der Wüste bewundern. Die wilde Gegend, wo eben jene US-Filme gedreht werden, in denen die heile amerikanische Welt bedroht wird. Da bekommt der Roman sofort eine neue Dimension und die studierte Nordamerikanistin eine wunderbare Würde. Als eine, die ihre Schriftstellergeneration durchaus als eine streibare sieht und sie nicht in die literarische Kuschelecke verwiesen sehen möchte.

Auch mit ihrer Lyrik, der eher zaghaft verlesenen, bleibt Tanja Dückers am Gegenständlichen, dem Verlegten und Wiedergefundenen, und so schließt sich der Kreis zur Sehnsucht nach dem Anderen, dem Exotischen und der Fremde. Und da ist auch der Mut, Unsagbares im Dunkel zu belassen. Auf Samis bange Frage, was da passiert ist an jenem längsten Tag des Jahres, hat Papa Thomas in jener versandeten Wohnwagensiedlung als Antwort nur den weiten Blick zu den roten Bergen.

Das Reizende an Lesungen ist mitunter auch das vermeintlich Nebensächliche. Wenn die freundliche junge Frau, die beim Versprecher tatsächlich errötet, uns erklärt, warum auf dem Buchcover Echsen herumkriechen und warum sie beim Nachdenken Musik braucht und Schokolade.