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08.09.2008

Leseratten dürfen selbst ans Mikrofon treten

von Frank Quilitzsch TLZ

(tlz/fqu) Autorenlesungen, Märchenstunden, Puppenspiele und Buchausstellungen hatte der Thüringer "Tag der Literatur am Samstag zu bieten. Fast 70 Veranstaltungen in ganz Thüringen eröffneten für Bücherfreunde die herbstliche Lese-Saison. Zum ersten Mal organisierte der Thüringer Literaturrat den Büchertag, der den Thüringern die Vielfalt der Literatur nahebringen sollte. Das gelang den Organisatoren zum Beispiel beim literarischen Igelnachmittag in der Weimarer Stadtbücherei, den viele Kinder mit ihren Eltern nutzten, um Igel hautnah zu erleben und in Lach- und Sachgeschichten noch mehr über die netten Gartenbewohner zu erfahren. Neben namhaften Thüringer Autoren wurden auch viele Leseratten selbst zu Vorlesern oder Erzählern.
Der Initiative des Thüringer Schriftstellerverbands "Autoren lesen in ihrem Heimatort" waren elf Mitglieder u.a. in Altenburg, Jena, Rudolstadt, Suhl und Worbis gefolgt. Dabei spielte Ulla im Kreis Weimarer Land die erste Geige - im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Lesung im vollen Alten Dorfsaal wurde stimmungsvoll-poetisch von der Undercover Blumrich Band begleitet. Die 800-Seelengemeinde am Fuße des Ettersbergs hat eine Kirche, einen Gedenkstein, der an den hier geborenen Theologen Wilhelm Martin Leberecht de Wette erinnert, ein "Tierhotel" für vom Aussterben bedrohte Fledermäuse und Schleiereulen, das im ehemaligen Trafohäuschen untergebracht ist, und - seit Sonnabend - auch eine zünftige Schriftstellerlesung, die erste in seiner 751-jährigen Geschichte.

Frank Quilitzsch, Kulturredakteur der TLZ und Buchautor, hatte sich zum "Tag der Literatur" in Thüringen mit seinem Dorfnachbarn Rudolf Köhler, dem schreibenden Technischen Direktor des Diakonischen Zentrums Weimar und Leiter der Weimarer Tafel, verabredet, und das Ambiente war für den gemeinsamen Auftritt wie geschaffen: Die an Eichentischen sitzenden Zuhörer sahen sich von betagten Schränken, Lesepulten, Waagen, Wäschemangeln, Schreibmaschinen, Telefonen, Rundfunkempfängern und Grammophonen umstellt. Auf der Empore Wärmflaschen, Badeöfen und Zinkbadewannen. An den Wänden gerahmte Programmzettel des Weimarer Hoftheaters, historische Apothekenrechnungen und Bahnsteigkarten. Seit Jahren sammelt Köhler Gegenstände aller Art, die aus unserem Leben verschwinden. "Ich finde hier alles wieder, was ich in meinen Büchern erinnert habe", staunte Quilitzsch und gab seine Liebes- und Leidensgeschichten mit den "Dingen, die wir vermissen werden" zum Besten - vom Leibchen übers Poesiealbum bis zum Sendeschluss.

Köhler las humoristische Märchen, vom "kleinen Hebelmann" und "Hans im Glück" auf der Suche nach seinem Platz in der heutigen Gesellschaft, und hob als Zugabe zu einem Loblied auf die Langsamkeit an.

Rockballaden von Lift, City und Renft begleiteten die Veranstaltung, zu der nicht nur die Ullaer, sondern auch zahlreiche Besucher aus Nohra, Weimar und Erfurt erschienen waren, manche mit ihren Kindern und Enkeln. "In diesem Saal haben 1966, kurz vor ihrem Verbot, die Polars gespielt", erinnerte sich ein Herr, und am Damentisch machten Anekdoten von der Dreiecksbadehose die Runde. Nach zweieinhalb Stunden Dichtung und Geselligkeit verabschiedete Bandleader Udo Blumrich das Publikum mit Wenzels "Herbstlied" in den Regen.

Mit dem "Tag der Literatur" sind die gemütlichen Lesestunden nicht etwa beendet. Noch bis Ende Dezember hat der Thüringer Literaturrat zahlreiche literarische Veranstaltungen zusammengestellt.

@ Eine Übersicht aller noch folgenden Veranstaltungen gibt es im Internet: www.thueringer-literaturrat.deAutoren lesen in ihrem Heimatort: Dieser Intitiative folgten Frank Quilitzsch, Kulturredakteur der TLZ und Buchautor, und sein Nachbar Rudolf Köhler, Leiter der Weimarer Tafel.