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17.03.2003

Lesen Sie doch, was Sie wollen!

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) "Wer sagt uns, was wir lesen sollen?" Klar war, dass uns dies die Rednerin nicht klar sagen würde. Dafür kennt die Kritikerin Sigrid Löffler den Literaturbetrieb viel zu gut, den historischen wie den gegenwärtigen. Klar war aber auch, dass die in Österreich lebende Germanistin und Herausgeberin der Zeitschrift "Literaturen" den Kanon als Allheilmittel für in anschwellenden Bücherfluten (90 000 Neuerscheinungen pro Jahr allein im deutschsprachigen Raum) paddelnde Buchhändler, Pädagogen, Bildungsbürger und andere Leser attackieren würde.

Hilft eine Messlatte?

Sigrid Löffler, die am Sonntag im DNT Weimar eine temperamentvolle, engagierte und von Humor getragene Rede hielt, holte weit aus und "würdigte" eingangs die "Verdienste" der Römischen Inquisition, weil diese per Verbot die Aufklärer des 17. bis 19. Jahrhunderts ins Licht gerückt habe - der Index der katholischen Kirche sei gewissermaßen der erste Literaturkanon von weltweiter Bedeutung gewesen. Abgeschafft wurde dieser erst 1966. Leselisten hingegen, die persönliche Abneigungen oder Vorlieben als für die Allgemeinheit bedeutsam deklarieren, habe schon Hermann Hesse "eine Form von höherem Schwachsinn" genannt.

Kann der Kanon heute wirklich das sein, was das griechisch-lateinische Wort "canon" meine - eine "gerade Stange", also Messstange oder Messlatte? fragte die Rednerin und warf ein: "Entscheidend ist die Fähigkeit großer Texte, uns über alle Zeiten hinweg unmittelbar anzusprechen. Entscheidend ist der Horizont dessen, was wir in den alten Texten als das Eigene erkennen können." Wobei auch Klassiker veralteten und deutlichen Konjunkturschwankungen unterlägen. Löffler machte darauf aufmerksam, dass es gerade die Nicht-Nobelpreisträger wie Joyce, Proust, Kafka, Virginia Woolf, Brecht, Walser gewesen seien, die im 20. Jahrhundert kanonisiert wurden. Und heute bekämen wir es häufig mit einer "Re-Kanonisierung" ohne kanonische Basis zu tun.

Den gegenwärtigen Literaturbetrieb analysierend, gelangte Löffler zu dem drastischen Urteil: "Es gibt nur noch den kollektiven simultanen Marktschrei." Im Zuge der Marktbeschleunigung habe sich auch die Literaturkritik "hysterisieren und instrumentalisieren lassen". Nicht mehr der Kritiker sei die Instanz, nach der man sich richte, sondern der Konsum. Festzuhalten bleibe: Es gibt einen überhitzten, rasend beschleunigten und unübersichtlichen Buchmarkt, und darinnen "ein Stimmengewirr selbsternannter Literatur-Kanoniker von zweifelhafter Legitimation" sowie einen "Journalismus, der seine kritische Kompetenz an die Marktgängigkeit verrät und sich benimmt, als wäre er der verlängerte Arm der Werbe-Abteilungen der Verlage".

Bitte keine Allüren!

Vielleicht klang Sigrid Löfflers Analyse ja gerade deshalb so glaubwürdig, weil sie jahrelang als Mitspielerin im "Literarischen Quartett" im ZDF unmittelbar an den "Beschleunigungs"- und Werbeprozessen des Buchmarkts beteiligt war und (wer mag ihr dies verdenken) als öffentliche Person kräftig daran verdient hat. Versteckte Selbstkritik? Der Seitenhieb gegen ihren prominenten Widersacher Marcel Reich-Ranicki geriet deutlicher: "Ausgedient hat der eitle Großkritiker mit seinen Allüren herrscherlicher Willkür."

Und was sollen wir nun lesen? Sigrid Löfflers ganz persönliche Empfehlung: "Lesen Sie doch bitte, was Sie wollen, lesen Sie, was Sie wollen."

Am besten, wir fangen mit Löfflers Rede an.

! TLZ druckt Auszüge aus den Weimarer Reden jeweils am darauf folgenden Sonnabend in der Beilage "Treffpunkt".Am kommenden Sonntag, 11 Uhr, liest die Schriftstellerin Lenka Reinerova aus ihrem Buch "Alle Farben der Sonne und der Nacht".