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15.10.2012

Lesekonzert auf der Burg Ranis mit Udo Scheer und Media Nox

von Mario Keim Ostthüringer Zeitung

Autor Udo Scheer wurde in Ranis bei der Vorstellung seiner Biographie zu Günter Ullmann unterstützt von der Jazzformation "Media Nox" in der Besetzung Harald Seidel, Jens Wunderlich, Hermann Losch und Rudolf Kuhl (von links).

 

Für die Greizer Jazzband Media Nox war das Lesekonzert am Donnerstag auf der Raniser Burg eine Rückkehr an eine erprobte Spielstätte. Ranis.Der erste Auftritt im Rahmen der Reihe "Jazz und Lyrik", damals ebenfalls vom Lese-Zeichen e.V. organisiert, fand allerdings noch vor der Sanierung des Südflügels statt, erinnerte Dr. Martin Straub vom gastgebenden Verein. Nach Auskunft von Hermann Losch bescherte der Abend der Greizer Formation eine weitere Premiere: "Es war für uns der erste Auftritt innerhalb der Thüringer Jazzmeile", sagte der Pianist, dessen Band 2015 ihr 50-jähriges Bestehen feiert.

Das Programm gestaltete neben den vier Musikern der Schriftsteller Udo Scheer, der aus seiner Biografie über Günter Ullmann las. Diese trägt in Anlehnung an ein Gedicht des Greizer Lyrikers den Titel "Die Sonne hat vier Ecken". Scheer erklärte: "Es war mir wichtig, die Erinnerung an dieses Leben zu bewahren." Der Autor aus Stadtroda hatte den Greizer im Herbst 1990 bei einer Tagung kennengelernt.

In der Biografie kommen Zeitzeugen zu Wort, die Ullmann gut kannten, darunter Reiner Kunze und Lutz Rathenow. Zu seinen Freunden gehörten ebenfalls die Musiker der Band "Media Nox", die Ullmann 1965 als Schlagzeuger mit ins Leben rief.

Seine Wege sollten sich ab 1968 auch mit denen von Manfred "Ibrahim" Böhme kreuzen. Wie sich erst viele Jahre später heraus stellte, bespitzelte dieser als Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit Ullmann und andere Akteure der Kulturszene in Greiz. "Er wurde geliebt und verehrt. Er war Erzieher und Lehrer zugleich. Er vermittelte Toleranz und Humanismus und aktivierte uns zum Widerstand. Später erfuhren wir, dass er uns auch verraten hat", erinnerte sich Ullmann an den Mann, der 1990 als Mitbegründer der SPD in der DDR sogar als Ministerpräsident kandidierte.

"Das hat Günter Ullmann nie verwunden", sagte Media Nox-Bassist Harald Seidel. "Wir sind mit Böhme sogar gemeinsam herum gefahren, denn er hat auch Gedichte geschrieben."

Udo Scheer erinnert in seiner Biografie an die Ideale des Greizer Lyrikers, der sich gegen Mauerschützen auflehnte und im Zuge des Prager Frühlings 1968 erste Schwierigkeiten mit dem DDR-Regime bekam. "Die schwerste Zäsur für ihn kam Ende 1976, als Biermann ausgebürgert, Fuchs verhaftet und Kunze aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wurden", so der Autor, der aber ebenso über den begabten Poeten Auskunft gibt, dessen Gedichte Heinrich Böll und Günter Grass in der damaligen Bundesrepublik in der Zeitschrift "L 80" veröffentlichten.

Seine Bilder wurden als dekadent abgelehnt, so dass sich Günter Ullmann auch nicht als Maler betätigen durfte. Vielmehr war er bis zu seiner Kündigung 1990 als Maurer, Baustellenschreiber, Ökonom, Mischerfahrer und Lagerist tätig. In der Folgezeit arbeitete Günter Ullmann im Greizer Kulturamt, betreute Besucher im Museum und bestritt Lesungen, darunter auch in Ranis. Die Spuren der Vergangenheit bleiben, in deren Folge er 2009 im Alter von 62 Jahren nach langer Krankheit starb.

Scheer legt in seinem Buch die historischen Ereignisse und ihre Auswirkungen auf Ullmann und sein Umfeld beeindruckend dar. Darüber hinaus geht er auch auf die innere Entwicklung seines Protagonisten ein und schildert ihn in seiner Menschlichkeit. Damit bleibt dieses Werk auch für jüngere Generationen interessant.