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21.04.2007

Lesarten 5: Gespräch mit Hans Lucke

von Frank Quilitzsch TLZ

Der Schauspieler und Erzähler Hans Lucke steckt voller Anekdoten. Wann schreibt er sie endlich auf?
Ich werde seit langem gemahnt, das endlich zu tun. Und ich bin auch dabei.

Wie weit bist du gekommen?

Naja, an die 90 Seiten habe ich schon. Es können noch ein paar mehr werden. Es ist nicht leicht, sich nur auf die Anekdoten zu beschränken. Mir schwebt als Titel vor "Das Theater immer! Anekdotisches - Erlebtes".

Es drängte dich schon mit jungen Jahren auf die Bühne. Aber dann kam der Krieg dazwischen.

Erst war ich Luftwaffenhelfer und habe mit fünfzehn Jahren in Rochwitz an der Kanone gesessen. Da haben wir zum "Tag der Wehrmacht" Schillers "Räuber" gespielt. Als Gymnasiast war ich gerade an der Schauspielschule aufgenommen worden. Mit siebzehn wurde ich dann zur Wehrmacht eingezogen, und Ende Januar 1945 ging es an die Front. Der Russe eilte uns freundlicherweise entgegen, er stand schon an der Oder. Und mein Pech war, dass ich im April achtzehn geworden war. In der Gefangenschaft wurden alle, die unter achtzehn waren, heimgeschickt. Mich haben die Sowjets in Wolotschok ins Arbeitslager gesteckt. Es hat ungefähr zehn Jahre gedauert, bis ich die Albträume losgeworden bin. Noch in den fünfziger Jahren habe ich von Krieg und Gefangenschaft geträumt. In meinem Stück "Der Keller" habe ich versucht, das aufzuarbeiten.

1946 kamst du heim und konntest deine Schauspielausbildung beenden. Hat es für dich nie ein anderes Berufsziel gegeben?

Ursprünglich wollte ich Bühnenbildner werden. Mein Großvater, der eigentlich Eisenbahner war, malte recht gut, mein Vater war Architekt. Beim Studium der Texte, für die ich Bühnenentwürfe machen sollte, habe ich meist laut gesprochen. Irgendwie hat mir das gefallen.

Was war deine erste Rolle?

Ich hatte mich an verschiedenen Theatern beworben und Absagen bekommen, von Görlitz stand eine Antwort noch aus. Weil ich dort eine Tingelei hatte, bin ich bei dieser Gelegenheit ins Theater. Die Intendanzsekretärin verschwand kurz und sagte, als sie wiederkam: Haben Sie ein bisschen Zeit? Unser Oberspielleiter hätte gern, dass Sie bei ihm vorsprechen. Es war nämlich ein Schauspieler krank geworden, und ich durfte dessen Rolle übernehmen - innerhalb von 48 Stunden! Ich glaube, das war ein Stück von Leonhard, das von der deutschen Besatzung in Frankreich handelte, und ich hatte einen deutschen Leutnant zu spielen. Diese Typen kannte ich ja. Prompt bekam ich meine erste Autogrammpost: Ein junges Mädchen schrieb, ich hätte sie wahnsinnig an ihren gefallenen Bruder erinnert. Görlitz war für mich ein ungeheurer Glücksfall, denn in dieser Stadt gab es entfernte Verwandte, bei denen konnte ich einwohnen, und die hatten eine Bäckerei. 1947! Ich konnte mir jeden Tag eine Klappstulle mitnehmen und in der Probenpause essen, dabei habe ich mich immer in eine Ecke verdrückt, weil die anderen neidisch guckten.

Deine nächsten Stationen waren die Bühnen in Zittau, Radebeul und das Staatsschauspiel Dresden. Wie bist du schließlich ans Deutsche Theater Berlin gelangt?

Auf Umwegen über die Defa. Ich sollte bei einem politisch ziemlich abenteuerlichen Film über die Rettung der Dresdner Gemäldegalerie mitmachen, wozu ich keine rechte Lust hatte. Es hat dann Jahre gedauert, ehe ich aus dem Vertrag wieder rausgekommen bin. Als infolge des 13. August 1961 an Berliner Bühnen verschiedene Stellen vakant wurden, habe ich bei Wolfgang Langhoff am Deutschen Theater vorgesprochen und wurde als Stauffacher in Schillers "Wilhelm Tell" besetzt.

Welcher Geist herrschte damals an dieser Bühne?

Es herrschte ein Ensemblespiel, wie ich es weder vorher noch nachher erlebt habe. Am Deutschen Theater habe ich gelernt, was gutes Theater ist. Ich hatte Schwierigkeiten, bei den Proben meine Provinzallüren abzulegen. Da passierte es, dass mich Herwart Grosse beiseite nahm und mit seiner Berliner Schnauze sagte: Hör´n se mal zu, Lucke. Der Langhoff ist ein janz juter Rejisseur, bloß mit Schauspielern kann er nich umjehn. Der meint foljendes ... Auch Inge Keller, die meine Partnerin war, hat mir sehr geholfen, mich da hinein zu finden.

Du hast auch 1968 in Adolf Dresens "Faust" mitgewirkt. Das war doch eine Zeit harter politischer Auseinandersetzungen. Dresen, Benno Besson und Langhoff wurden bald von der DDR-Obrigkeit kaltgestellt. Wie hast du das erlebt?

Ich habe miterleben müssen, wie sie den Langhoff fertiggemacht haben, weil er Peter Hacks´ "Die Sorgen und die Macht" wieder in den Spielplan aufgenommen hatte. Nach der Vorstellung gab es manchmal ein Publikumsgespräch; einmal wurde eine Gruppe von Lehrern hingeschickt, die natürlich entsprechend "geimpft" waren. Ich habe hinten ein bisschen abseits gesessen, und neben mir saß der Hacks. Und als die Lehrer über das Stück herzogen, beugte er sich zu mir herüber und sagte: Na, hör´n Sie sich das an, Lucke. Da sitzt Hammel neben Hammel und erklärt, das gibt es nicht, dass Menschen in der Herde gehen ... Im Grunde genommen hat das Politbüro das Theater als verlängertes Parteilehrjahr gesehen, so hätten sie es am liebsten gehabt.

Umso höher war das Ansehen, das die Kunst im kleinen Land genoss.

Auch im Ausland. Das Ensemble fuhr ja zu Gastspielen in den Westen, zur Biennale in Venedig, nach Edinburgh, nach Zürich usw. Wir brachten der DDR außenpolitisch hohes Ansehen, wie die Sportler. Bloß die Sportler hielten wenigstens die Klappe. Und Künstler sind immer etwas aufmüpfig. So groß war diese Aufmüpfigkeit übrigens gar nicht, wir nannten einfach die Probleme, die es gab. Infolgedessen haben sie den Benno aus dem Deutschen Theater rausgeekelt; der kriegte erst mal die Volksbühne. Dort haben sie ihn dann auch fix und fertig gemacht, bis er endgültig das Land verließ. Das ging Dresen genauso. Der hat sich nachher, nachdem er auch im Westen einiges erlebte, was nicht so ganz koscher war, mit seiner Auffassung von Kunst nach Europa aufgemacht. Was Dresens "Faust" betrifft, wurden gleich nach der Premiere die Gesänge aus "Walpurgisnachts Traum" verboten. Dann wurde "Demokratie" gespielt; es gab Diskussionen mit den Künstlern. Der Witz war, dass die sich mit Goethe auskannten und die heiklen Stellen belegen konnten: Hier steht das und das! Diese Zitate hatte ich noch gar nicht zur Kenntnis genommen; das war für mich ein Anlass, mich näher mit Goethe zu beschäftigen.

Als Anselm Perthen Intendant war, hast du gekündigt?

Ja. Ich bin in die freie Szene gewechselt. Perthen hatte den Auftrag, die "Komödianten" wieder auf Vordermann zu bringen. Als erstes wurde der "Faust" abgesetzt. Und dann wurde der Dresen drangsaliert, der Besson drangsaliert. Der ganze Laden drohte kaputtzugehen. Wie gesagt, ich bin weg. Später kam Perthen nach Rostock, und ich wohnte in Zingst, und er bot mir an, bei ihm als Schauspieler einzusteigen. Das habe ich nicht getan. Aber ich habe hin und wieder eine Inszenierung am Volkstheater Rostock übernommen.

Du hast dich, wie du sagtest, in der Folge enger mit Goethe eingelassen. Warum?

Goethe hat mir geholfen, den Sozialismus zu überleben. Seine distanzierte Sicht auf die Welt und das Leben, die keineswegs eine pessimistische, sondern eine realistische Sicht war, passte unseren Oberen nicht in den Kram. Aber auf den "Faust" wollten sie sich berufen: "Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn" - da hat Goethe den Sozialismus vorausgeahnt! Aber hatten sie mal die Regiebemerkung gelesen, die dabeisteht? Schlicht ignoriert wurde die Tatsache, dass diese Wort gesprochen werden von einem blinden Faust, der das Spatenklirren derer, die ihm das Grab schaufeln, für den Beginn der Meliorationsarbeiten hält. Das ist eine so geniale szenische Erfindung, da bleibt mir die Spucke weg: Eine so wunderbare Vision und zugleich gekontert durch diese szenische Situation. Das ist Realismus! Ich habe mir einfach mal die Zeit genommen, mich da reinzuknien, auch in den Eckermann ...

Und das Ergebnis war dein Stück über Goethes Diener Stadelmann?

Das habe ich 1982 geschrieben, ja. 1983 ist es in Weimar uraufgeführt worden. Manche sagen, da kommt der Dichterfürst nicht so gut weg. Goethe war ein Mensch, warum soll er keine Schwächen gehabt haben? So ähnlich war auch der Grundgedanke für mein Büchlein "Jud Goethe": Was ist denn, so das Gedankenspiel, an seinem Werk anders, wenn sich plötzlich herausstellt, er hat einen jüdischen Großvater gehabt? Die Leute sind froh, wenn ihnen Denkklischees angeboten werden, weil das ja des Denkens enthebt. Und deshalb hast du immer wieder das Problem, dass Intellektuelle stören. Und auch das bringt Goethe auf den Punkt - in seinem "Tasso": Es hat niemand Gewissen, als der Betrachtende. Der Handelnde ist immer gewissenlos. Die Politiker sind täglich gezwungen zu handeln, und die Künstler können es sich leisten zu betrachten. Da liegt ein Grundkonflikt, der ist unlösbar. Wie gesagt, das habe ich alles erst durch Goethe begriffen. Deshalb muss der für mich keinen Heiligenschein tragen.

Aber es war nicht Goethe, sondern es sind private Gründe gewesen, die dich nach Weimar gelockt haben.

Vorausgegangen war wieder mal eine meiner Scheidungen. Ich führe ja jetzt meine fünfte Ehe, die geht - toi, toi, toi! - zwanzig Jahre schon gut. Aber die Liebe zu Weimar ist schon stark durch Goethe mitgeprägt worden. 1982 war ich dort auf einem Germanistenkongress und bin dabei überhaupt erst auf Stadelmann gestoßen. Indem mir einer die Geschichte erzählte, wie Stadelmann, der dem Goethe die Haare schneiden durfte, anschließend die Locken an Touristen verkauft hat. Die Figur des Dieners bot mir eine originelle Sicht auf Goethe und seine Zeit, fern jeder Verklärung. Alles, was mit Verklärung zu tun hat, ist mir im Laufe des Lebens verdächtig geworden. Ich habe ja auch mal an die Machbarkeit des Sozialismus geglaubt. Und habe versucht, mein Scherflein beizutragen, dass wenigstens der gröbste Blödsinn in Sachen Kunst gemindert, wenn nicht verhütet wurde. Ich habe auch nie ein verklärendes Werk liefert, das kann ich, glaube ich, ruhigen Gewissens sagen. Von der Vorstellung, dass die Menschheitsprobleme ganz und gar in den Griff zu kriegen seien, habe ich mich doch sehr weit entfernt. Man kann dieses und jenes Problem lösen, aber nicht die Welträtsel. Da muss ich immer wieder an den Ausspruch eines alten Mystikers denken, der da gesagt hat: "Der sechste Schöpfungstag war Gottes Sündenfall."

Wenn man achtzig wird, hat man noch Träume?

Ich möchte gern mein "Gaukelspiel um Tod und Goethe" fertig kriegen. So nenne ich die Weiterführung meiner Erzählung "Jud Goethe", die leider vergriffen ist. Und ich träume, dass es vielleicht ein Erfolg wird. Weiter gehen meine Träume nicht. Das Merkwürdige an solch einem Datum ist doch, dass es mehr als alle vorangegangenen runden Geburtstage eher Anlass zum Rückblick als zum Vorausblick ist. Insofern ist das nicht gerade ein Jubelfest.

ZUR SACHE

Hans Lucke wird 80? Wer ihn sieht, glaubt es nicht. Der 1927 in Dresden geborene Schauspieler, Regisseur, Dramatiker und Autor zieht im TLZ-Gespräch - nein, keine Lebensbilanz. Er plaudert über das Theater, das seine Passion war, und über Goethe, der ihm immer wichtiger wird. Lucke gehörte in den 60er Jahren zum Ensemble des Deutschen Theaters Berlin und hat in legendären Inszenierungen von Wolfgang Langhoff, Adolf Dresen und Benno Besson mitgewirkt. 1973-1977 inszenierte er am Volkstheater Rostock. Lucke hat auch selbst Stücke verfasst, seine Komödie "Stadelmann" über Goethes Kammerdiener wurde 1983 am DNT Weimar uraufgeführt. 1999 erschien seine Erzählung "Jud Goethe", 2006 der Essay "Die Weltgeschichte sucht ihn heim - Goethe 1806".

! "Das Theater immer!" Matinee mit Hans Lucke zum 80. Geburtstag des Schauspielers und Autors im Rahmen der "Lesarten":

Mittwoch, 25. April, 19.30 Uhr, Stadtbücherei Weimar, Steubenstraße 1