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16.06.2007

Lennon ist tot: Osangs neuer Roman

von Frank Quilitzsch TLZ

"Lennon ist tot" - was für ein trostloser Titel! Es stimmt ja, und daran lässt sich nicht rütteln. Es sei denn, man gehört zu jenen, die Beatles-Cover mit der Lupe abtasten und John Lennon-Songs rückwärts dudeln in der Hoffnung, eine Botschaft aus dem Jenseits zu erhalten: Wenn schon ermordet, dann womöglich in Yoko Onos Auftrag?
Zu dieser Spezies gehört der Held in Alexander Osangs neuem Roman glücklicherweise nicht, auch wenn die Verschwörungstheorie kurz im Buch anklingt. Robert Fischer, 19, kommt aus Berlin-Friedrichshagen und hat Lennon nicht gekannt, auch seine Musik nie gehört, und der tote Beatles-Star tritt eher randläufig in sein Leben. Wenn es um John Lennon, seine Musik und die 68er Generation gehen würde, müsste das Buch auf Seite 269 beginnen - da nämlich trifft Roberts Vater, 45, in New York ein, um seinen Sohn zu suchen. Der Roman fängt aber vorn an, in einem Keller im winterlichen Manhattan, wo Robert, statt zu studieren, für eine Detektei Videobänder sichtet.

Er nutzt die Gelegenheit zum Ausbruch, verfolgt einen fremden Mann bis auf die kleine, der Stadt vorgelagerte Feuer-Insel, freundet sich mit ihm an - er heißt übrigens Hans und kommt aus Ostdeutschland - und bleibt bei ihm. Von Hans erfährt er, dass John Lennon kurz vor seinem Tod die Insel besucht und in seinem Bett geschlafen haben soll. Robert wird von einer Frau namens Lucy verführt und verlassen und erhält einen Karton Beatles-Platten als Trost, doch es gibt auf der ganzen Insel keinen Plattenspieler. Dafür lagern auf dem Dachboden alte Zeitungen, so kann Robert endlich erfahren, wie Lennon 1980 zu Tode gekommen ist.

"Lennon ist tot" ist wirklich das Trostloseste, was ich seit "Herr Lehmann" gelesen habe - was kein Werturteil ist -, eigentlich noch trostloser, denn hier kommt nicht mal ein Whisky schleckender Hund vor. Kein Wunder, dass es diesen Robert, der irgendwie vor seinen Eltern, seinen Freunden, seiner Zukunft und sich selber wegläuft, ins Wasser zieht, das ihm aber für einen Suizid zu kalt ist.

Lennon ist tot, und Salinger steht wieder auf: "... ich hatte verdammt nicht die leiseste Ahnung, wohin ich wollte. Ich wusste nicht, wohin" - grüßt der "Fänger im Roggen". Und auch John Lennons Mörder Mark Chapman soll den Salinger-Klassiker bei sich gehabt haben.

In Osangs erstem Roman, "Die Nachrichten" (2000), ging es um die heute 40- bis 50-Jährigen, die sich nach der Wende neu orientieren mussten. Nun lässt der preisgekrönte Journalist einen Jugendlichen durch die amerikanische Metropole irren, ohne irgendwo Sinn und Halt zu finden - ein Vertreter einer "lost generation" der neuen Art. Während Dr. Martin Fischer, ein Berliner Arzt mit NVA-Vergangenheit, die Kurve gekriegt hat, fällt sein Sohn aus seiner Kindheit in ein großes Loch, das New York City heißt.

Vater und Sohn finden sich zwar am Ende, fühlen und denken aber in verschiedenen Sphären. Die minutiöse Beschreibung einer Entfremdung lebt stark vom Lokalkolorit - der Autor weilte mehrere Jahre als "Spiegel"-Reporter in New York und lässt in seinen Schilderungen keine Straße und kaum einen Gully aus -, hat bei aller Melancholie aber auch Witz und eine musikalische Metaebene, in der Lennon-Songs mitschwingen: "He´s on the run and your daddy´s here." Etwas überspannt wirkt auf die Dauer die Sprache, zumal der Ich-Erzähler eine Vorliebe für umgangsprachliche Wendungen besitzt - "wenn jemand versteht, was ich meine".

i Alexander Osang: Lennon ist tot. Roman, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 312 S., 18,90 Euro.

Am Sonntag, 17.6., ist der Autor bei den Thüringer Literaturtagen auf Burg Ranis zu erleben: Michael Hametner spricht mit ihm in "Figaros Lesecafé" über den Roman (15 bis 16.30 Uhr).