Presse - Details

 
24.02.2006

Leipziger Geschichte(n)

von Frank Quilitzsch TLZ

Leipzig. (tlz) Wer weiß schon, dass Erich Loest ein Fußball-Fan ist und sich unter dem Vorlass, den der Autor kürzlich der Kulturstiftung Sparkasse Leipzig als literarisches Archiv übergab, neben Manuskripten und Briefen auch ein Trikot des 1. FC Lokomotive Leipzig befindet? Vor fast vierzig Jahren veröffentlichte Loest sogar einen Fußballroman, den der Deutsche Taschenbuch Verlag, München, jetzt aus aktuellem Anlass neu auflegt: "Der elfte Mann" ist erstmals 1969 im Mitteldeutschen Verlag, Halle/Saale, erschienen, zu einer Zeit, die für den aus der Stasi-Haft Entlassenen von Existenznöten begleitet war.

In der DDR wurde der 1926 im sächsischen Mittweida geborene literarische Frühstarter weitgehend totgeschwiegen, nachdem er 1957 wegen "konterrevolutionärer Gruppenbildung" verurteilt worden war. Ob unter seinem richtigen Namen oder unter den Pseudonymen Hans Walldorf und Waldemar Naß - aus Nachschlagewerken war über Loest nichts Wesentliches zu erfahren. Das DDR-Schriftstellerlexikon von 1975 mühte sich, die siebeneinhalb Jahre Zuchthaus Bautzen zu überbrücken, ohne sie auch nur zu erwähnen. Loest hat die Lücke mit seiner im Westen veröffentlichten Autobiografie "Durch die Erde ein Riß" 1981 gefüllt, die zu den bewegendsten literarischen Selbstzeugnissen des 20. Jahrhunderts zählt.

In schonungsloser Offenheit breitet Loest die Details seiner Entwicklung vor dem Leser aus: seine Zugehörigkeit zum faschistischen "Werwolf" am Kriegsende, Eintritt in die SED, Zirkelleitertätigkeit und Besuch der Kreisparteischule. Die fünfziger Jahre beendeten für ihn die Phase der "heilen Welt", in der er weitgehend konform mit politischen und künstlerischen Schemata geschrieben und sich des ungeteilten Zuspruchs von Verlagen hatte erfreuen dürfen.

Am 17. Juni 1953 begrüßte er zwar noch die sowjetischen Panzer, doch Ursachen und Verlauf der Ereignisse drängten ihn bereits zu Korrekturen und persönlichen Konsequenzen. 1956 dachte er wie Wolfgang Harich, Walter Janka und Gerhard Zwerenz über eine Reformierung des von Stalin geprägten Sozialismus nach, was ihn hinter Gitter brachte. "Durch die Erde ein Riß" schildert die "gemordete Zeit" in Bautzen und endet mit der Rückkehr ins zivile Leben.

Neuer Ärger mit der DDR-Zensur

In den nach der Wende erschienenen Erinnerungen "Der Zorn des Schafes" konzentrierte sich Loest auf den Zeitraum zwischen 1965 und 1989 und ließ Passagen aus seiner 31 Heftmappen von je 300 Blatt umfassenden Stasi-Akte einfließen. Deutlich wird, wie der Autor sich weder einschüchtern noch durch Kompromissangebote politisch und künstlerisch bevormunden ließ.

Einem Buch kommt hierbei ein besonderer Stellenwert zu, da es für Loests weitere Entwicklung entscheidend war. Hatte der Autor schon 1973 mit "Schattenboxen" - einem Gegenwartsroman über die Schwierigkeiten eines ehemaligen Strafgefangenen, im zivilen Leben wieder Fuß zu fassen - einen Vorstoß gewagt, so beendete er mit dem Manuskript "Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene" endgültig die Ära politischer Zurückhaltung.

Im Mittelpunkt des von der DDR-Zensur lange verzögerten und nach seinem Erscheinen nicht wieder aufgelegten Romans steht der Leipziger Ingenieur Wülff, Sohn eines "Republikflüchtlings", der in Konflikte gerät, weil er nicht bereit ist, für "seinen" Staat Verantwortung zu übernehmen. Ein Jugenderlebnis - Wülff war wie sein Schöpfer Zeuge einer friedlichen Demonstration auf dem Leipziger Leuschnerplatz, die von der Volkspolizei auseinandergeknüppelt wurde - machte ihn zwar nicht zum Gegner, wohl aber zum Verweigerer des Sozialismus. 1979 trat Loest, nachdem er gemeinsam mit anderen Autoren in einem offenen Brief gegen die staatliche Zensur protestiert hatte, aus dem Schriftstellerverband aus und kehrte 1981 der DDR den Rücken.

Mittlerweile hat der wieder in Leipzig ansässige und zwischen seiner alten Heimat und dem Bad Godesberger "Exil" pendelnde Autor, den Günter Grass als "politisches Temperament und genauen Erzähler" würdigte, eine umfangreiche Roman-Chronik der jüngsten Geschichte Mitteldeutschlands verfasst. In Leipzig spielen seine Romane "Völkerschlachtdenkmal", "Zwiebelmuster", "Reichsgericht" und vor allem "Nikolaikirche", Erich Loests heute bekanntestes Buch, die vom Fernsehen verfilmte literarische Wende-Chronik.

Rückblick auf die "Tauwetterperiode"

Auf den Arbeiteraufstand von 1953 ist Loest mit dem Abstand von Jahrzehnten noch einmal zurückgekommen, jüngst in seinem Roman "Sommergewitter". Nun schwebe ihm ein autobiografischer Bericht vor über die Ereignisse im Umfeld des XX. Parteitages der KPdSU von 1956. Loest hatte damals die "Tauwetterperiode" begrüßt und die Hoffnung auf einen demokratischen Sozialismus ernst genommen. Dafür musste der heute Desillusionierte in mehrfacher Hinsicht einstehen.

Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit, Verbundenheit mit den Menschen seiner Heimat sowie ein großes Maß an Bodenständigkeit zeichnen den Autor aus, der am heutigen Freitag achtzig Jahre alt wird. Zu seinem Geburtstag wünscht sich Erich Loest, der MDR möge doch noch einen seiner Romane verfilmen - ",Völkerschlachtdenkmal´ wäre schön". Und, wer weiß, vielleicht schreibt er ja auch noch mal einen Fußballroman.

! Erich Loest liest am 6. März, 19 Uhr, in der Stadtbücherei Suhl