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18.01.2013

Leipziger Buchmesse richtet Blick auf östliche Nachbarn

von Frank Quilitzsch TLZ

Was haben die polnische Schriftstellerin Anda Rottenberg, die ukrainische Autorin und Übersetzerin Kateryna Mishchenko und der belarussische Philosoph und Autor Valancin Rjabtschuk gemein?

Leipzig.  Sie sind in ihrer Heimat Stars am Literaturhimmel und in Deutschland so gut wie unbekannt. Das soll sich ändern. Die Leipziger Buchmesse (14. bis 17. März) richtet in diesem Jahr wiederholt den Blick auf die östlichen Nachbarn, um neue Literatur aus Polen, der Ukraine und Weißrussland vorzustellen. Mit 20 Lesungen und Podiumsdebatten, verteilt über alle vier Messetage, präsentieren sich insgesamt 24 Autoren.

"Bislang sind gerade die Literaturwelten der Ukraine und Belarus ein weißer Fleck im deutschen Sprachraum, eine große Unbekannte in Bezug auf Kultur und Literatur", erklärte gestern Martin Pollack, der Kurator des Messeschwerpunktes "tranzyt. kilometer 2013". Als Autor und Übersetzer, der sich seit Jahrzehnten mit den Buchlandschaften in Mittel- und Osteuropa beschäftigt, kennt der Österreicher die oft prekäre Situation seiner dortigen Kollegen aus eigenem Erleben. Zuletzt berichtete er für den "Spiegel" aus Warschau.

Einschränkungen der schöpferischen Freiheit durch Druck von außen gehörten für Künstler in autoritären Staaten wie Weißrussland, das als letzte Diktatur in Europa gilt, und zunehmend auch in der Ukraine zum Alltag, sagte Pollack. "Die vielen Gesichter der Diktatur" heißt daher auch eines der drei Hauptthemen bei der Messe-Literaturoffensive. "Auch in Ländern wie Polen müssen Schriftsteller mit Interventionen von außen rechnen, wenn auch seltener und weniger offen", so Pollack weiter. Wie man sich diesem Druck entziehen kann, welche Rolle unter solchen Bedingungen das Internet spielt und welche Bedeutung der Selbstzensur zukommt - darüber diskutieren Anda Rottenberg, Kateryna Mishchenko und der belarussische Journalist Viktar Marcinovic.

Autorinnen spielen Vorreiterrolle

Weitere Themen sind "Auf der Suche nach der Identität" und "Feministische Offensive oder Defensive?". Mit letzterem Schwerpunkt wollen die Veranstalter den Blick auf die sogenannte Frauenliteratur in den drei Ländern richten. Denn es sind auffallend viele Schriftstellerinnen, die in den Literaturen Polens und der Ukraine - und zunehmend auch in Weißrussland - den Ton angeben. Die polnische Autorin Olga Tokarczuk (2002 zusammen mit Ingo Schulze mit dem Brücke Berlin-Preis ausgezeichnet) und die ukrainische Schriftstellerin und Übersetzerin Natalka Sniadanko werden von ihrer Stellung im heimischen Literaturbetrieb berichten. "Wir sind per se keine Talentshow, aber wir wollen die öffentliche Aufmerksamkeit für diese Autoren verstärken", versprach Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse, die mit ihrem Osteuropa-Schwerpunkt auch das eigene Profil gegenüber dem großen Messebruder in Frankfurt am Main schärfen möchte.

Wie nötig es ist, mit den literarischen Entdeckungen in den drei Nachbarländern vertraut zu machen, ergibt sich schon aus der Tatsache, dass jene auf dem deutschen Buchmarkt kaum präsent sind. Von allen Übersetzungen, die jährlich hier erscheinen, belegen die Titel aus dem angelsächsischen Raum mit einem Anteil von 70 bis 75 Prozent seit Jahren den ersten Platz, gefolgt vom französischen und italienischen. Der russische Sprachraum liege mit zwei Prozent vor allen anderen osteuropäischen Sprachen, verweist die Messeleitung auf eine aktuelle Statistik. Der Marktanteil von Büchern aus den polnischen und ungarischen Literaturen bewege sich gar unterhalb von nur einem Prozent.

Es gibt Gründe genug, den 2012 begonnenen Brückenbau mit "tranzyt 2013" fortzusetzen. Dabei soll es im März auch spektakuläre Auftritte geben - etwa mit Poetry-Slammern und Lyrikern am Messesamstag auf der Hinterbühne des Leipziger Central­theaters, umrahmt von einem Konzert der ukrainischen Punk-Rock-Band Perkalaba.