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16.03.2011

Leipziger Buchmesse: Interview mit Hubert Schirneck

von Frank Quilitzsch Ostthüringer Zeitung

 

Der Weimarer Schriftsteller Hubert Schirneck präsentiert in Leipzig seinen Roman "Smiling Death" - eine Politikersatire.

Weimar. Gleich mit zwei Neuerscheinungen wartet der Weimarer Schriftsteller Hubert Schirneck zur morgen öffnenden Leipziger Buchmesse auf: Im Wiener Jungbrunnen-Verlag kommt sein Kinderbuch "Wir, die Osterhasen!" heraus, und der Berliner Satyr-Verlag legt den satirischen Roman "Smiling Death oder Die Kunst, lächelnd von einem Tisch aufzustehen" vor. Wir sprachen darüber mit dem Autor.

Der scheiternde Kanzlerkandidat und die engagierten Osterhasen - sind das zwei Seiten des Schriftstellers Schirneck?
In der Tat ziemlich gegensätzliche Seiten. Dass die Bücher jetzt zur gleichen Zeit herauskommen, ist jedoch Zufall. Die Osterhasen entstanden, wie die meisten meiner Kindergeschichten, für die "Ohrenbär"-Radioserie des Rundfunks Berlin-Brandenburg. Es gibt sie auch als Hörbuch.

Ist der Roman "Smiling Death", in dem Sie den Kanzlerkandidaten Kowalski in den Wahlkampf schicken, eine Politikersatire?
Als Autor bin ich mit solchen Begriffen vorsichtig. Vielleicht wird aber ein Buch, in dem Politiker und deren Berater die Hauptrollen spielen, automatisch zur Satire.

Haben Sie in Sachen Wahlkampf recherchiert?
Ich brauchte mir nur bewusst zu machen, was sich seit Gerhard Schröder in den 90er Jahren auf diesem Gebiet verändert hat. Mit Schröder ist der Kanzler zum Medienkanzler mutiert. Andere Kandidaten waren ihm schon deshalb nicht gewachsen, weil sie zu langsam redeten, Rudolf Scharping zum Beispiel. Ich habe lediglich einige Praktiken umgedreht: Bei mir kommen nicht die Lobbyisten mit dem Geldkoffer zum Kanzlerkandidaten, sondern er kauft ihre Stimmen.

Manchmal verspricht ihnen der Hoffnungsträger gleich eine hübsche Summe - um Zeit zu sparen?
Man merkt, wie sehr ihn dieses Geschäft anstrengt und auch überfordert.

Da ist einem dieser Kowalski beinahe sympathisch. Will er wirklich Kanzler werden, oder fordert es die Partei?
Es ist sein Traum, in die Spitzenpolitik zu gehen, wenn sich die Chance ergibt. Seine Frau ist da weniger begeistert.

Weil sie den Preis ahnt, den sie dafür zahlen muss?

Ja. Es ist auch nicht ihr Ding, das Medien-Frauchen an seiner Seite zu spielen.

Kowalski ahnt ihn nicht?
Na ja, er ist schon ein bisschen blauäugig an die Sache herangegangen. Ähnlich blauäugig wie bei dem Anschlag auf das Atomkraftwerk, wo er allerdings noch sehr jung, gerade mal 19 Jahre alt war. Diese Jugendsünde hat er vollkommen verdrängt, doch sie holt ihn plötzlich ein.

Sie haben die Farce in die Zukunft verlegt. Wann spielt sie eigentlich?
2044. Das war auch mal der Arbeitstitel des Buches.

In Anlehnung an George Orwells "1984"?
Nicht direkt. Es kann in zehn, 20 oder 30 Jahren spielen.

Da hat man dann hierzulande die Todesstrafe wieder eingeführt, natürlich nur für "Terroristen".
Das ist ziemlich realistisch, es spricht nur niemand darüber. Es gibt ernstzunehmende Juristen, die sagen, durch den Lissabonner Vertrag wird die Todesstrafe durch die Hintertür in der EU eingeführt. Man beachte die Fußnoten: "für Taten in Kriegszeiten oder bei unmittelbarer Kriegsgefahr". Letzteres ist stark auslegbar. Ich fürchte, mancher Abgeordneter segnet das ab, ohne sich zu informieren. Er hat auch gar keine Zeit dafür. Die real existierende Demokratie wird übrigens nicht in erster Linie durch Terroristen bedroht, sondern vor allem durch uns regierende Menschen.

Wie müsste ein Kanzlerkandidat beschaffen sein, damit Sie ihn wählen würden?
Man wünscht sich natürlich jemanden, der auch vorzeigbar ist. Insofern war zu Guttenberg schon eine gute Wahl - vom Äußeren her und von seiner Fähigkeit zu reden und etwas zu entscheiden. Er hat die Dinge beim Namen genannt, was andere gern vermeiden. Zum Beispiel, dass Krieg in Afghanistan herrscht. Natürlich wünscht man sich als Wähler einen Politiker, der ehrlich ist. Das ist aber ein Paradoxon. Ich bin schon froh, wenn Politiker es wagen, sich hin und wieder über die Parteiräson hinwegzusetzen, und nicht das ganze Jahr Wahlkampf betreiben. Oder ein Kanzler mit Visionen - das ist wohl zu viel verlangt, wär' aber eine tolle Sache!

Schirneck liest Sonnabend, 13 Uhr, auf der Buchmesse im Forum "Leipzig liest" (Halle 5, Stand E 600)