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18.03.2011

Leipziger Buchmesse: In der Nische wirkt der Kreative

von Frank Quilitzsch TLZ

Im Verlegerglück: Die Jenenserin Ute Fritsch hat sich in ihrem Ein-Frau-Verlag einen Wunsch erfüllt und den Band "Literarisches Leipzig" mit Porträts und Stadtplänen herausgebracht. Foto: Peter Michaelis

Fern des Mainstreams wird man bei Thüringer Verlagen fündig - Ein Rundgang am ersten Messetag in Leipzig bringt allerlei Überraschungen ans Tageslicht. Leipzig.

Ute Fritsch schaut zwar ein bisschen wie der im Weinfass hausende Diogenes aus ihrer winzigen Verlagsbox, doch sie schäumt fast über vor Glück: Mit dem "Literarischen Leipzig" von Ansgar Bach hat sich die auf literarische Stadtpläne spezialisierte Verlegerin einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Das Büchlein umfasst 80 Dichter- und Gelehrtenporträts - von Goethe und Schiller über Ringelnatz, Kafka und Joseph Roth bis zu heutigen Autoren. Leipzigs Buchpreisträger Clemens Meyer, beispielsweise, oder die Bestseller-Autorin Juli Zeh, die hier 1995 Jura und bis 2000 am Literaturinstitut studierte, dann ihr Referendariat absolvierte. Das Schönste: Man kann zwei Stadtpläne - einen von 1887 und einen aktuellen - entfalten und erfährt noch etwas über die Wirkungsplätze und Lieblingscafés der Dichter. Eine Startauflage von 2500 Exemplaren ist für den Ein-Frau-Verlag "Jena 1800" kein Pappenstiel, doch die Edition wird sich, da bleibt Ute Fritsch optimistisch, nicht nur ideell auszahlen.

Liszt und Kotzebue, Lucke und Gerlach

Ohne Risiko - oder nennen wir es Mut zu verlegerischer Kreativität in der Nische - könnten auch andere Thüringer Verlage nicht überleben. Das Unternehmen Bussert & Stadeler etwa, das sich seit 1995 auf der Messe behauptet, sieht sich als mitteldeutscher Verlag mit regionalen Schwerpunkten. Standbeine hat er in Jena, Plauen und Quedlinburg. Gerade ist der dritte Band über die Alte Synagoge in Erfurt erschienen - "Erfurter Hebräische Handschriften" - und erhielt einen Design-Preis. Jüngster Coup: die Herausgabe des Sammelbandes "Was heißt konservativ?". Der Titel prangt in schwarz-rot-goldener Schrift auf dem Einband, Thüringens CDU-Chef Mike Mohring wird ihn gemeinsam mit unserem Ministerpräsidenten a.D. auf der Messe präsentieren. "Ja, den Dieter Althaus gibt's noch", lacht der promovierte Germanist Bussert, der im feinen schwarzen Anzug und mit fliederfarbenem Fracktuch zwischen den Verlags-Novitäten residiert, "daran kann man doch bei solcher Gelegenheit erinnern." Das Erinnern an schillernde Persönlichkeiten der Kulturgeschichte hat sich die Weimarer Verlagsgesellschaft auf ihre Flyer geschrieben. "Kennen Sie Gottlob Tröbst?" fragt Verleger Michael Maaß und hievt einen gewichtigen Band aus dem Regal. "Der war als erster Direktor des Weimarer Realgymnasiums Zeitgenosse von Liszt und Tolstoi und hat mit Stephan Sabinin, dem russischen Hofprediger der Großherzogin Maria Pawlowna, die erste deutsche Übersetzung einer Puschkin-Novelle bewerkstelligt. Als Hauslehrer verliebte er sich in Moskau in die Tochter seiner Dienstherrin." Urenkel Cord C. Troebst hat das Familienarchiv ausgewertet und erzählt die Geschichte der unerfüllten Liebe zwischen Weimar und Moskau auf 296 Seiten. Apropos Franz Liszt: Natürlich ziert Wolfgang Huschkes Biografie des Jubilars den Prospekt der Weimarer Verlagsgesellschaft. Ferner kommen Lebensporträts des vor 250 Jahren geborenen August von Kotzebue (Axel Schröter) und von Maria Pawlowna (Rita Seifert) heraus. Alle drei Bücher seien personell miteinander verbandelt, freut sich Maaß, der auch einen Band "Gespräche über Europa mit ehemaligen Buchenwald-Häftlingen" und - als TLZ-Buchverleger - bereits den siebten Band der "Weimarer Reden" herausbringt. Um Thüringer Autoren der Gegenwart kümmert sich vor allem der Wartburg-Verlag. Die Bände 31 bis 33 der Edition Muschelkalk, die Neuauflage von Hans Luckes Erfolgsnovelle "Jud Goethe" und 99 Porträtgedichte aus dem Nachlass von Harald Gerlach füllen das Regal des in Weimar ansässigen evangelischen Unternehmens. Der Ex-Jenaer Lutz Rathenow und der Geraer Martin Morgner lesen auf der Messe aus ihren Büchern. Aktueller Verlags-Bestseller sei Thomas Seidels "Luther Brevier", das ins Finnische übersetzt wurde, erzählt Verlegerin Barbara Harnisch. Und "Unterwegs zu Luther" (Seidel und Heinz Stade) ist nun auch in Englisch erschienen: "In the Footsteps of Martin Luther".

Studentenquartier im Bauhaus-Stil

Insgesamt 2150 Aussteller aus 35 Ländern haben in Leipzig ihre Stände aufgeschlagen. Aus Thüringen sind gerade mal 26 zumeist kleinere Verlage bis Sonntag dabei. Das mag auf den ersten Blick wenig erscheinen, doch bei näherer Betrachtung tun sie eine Menge für die Region: Der Rudolstädter Greifenverlag wie der Sutton-Verlag aus Erfurt, der Heimatverlag Harald Rockstuhl wie der Musikverlag Kamprad in Altenburg, der quartus-Verlag Bucha bei Jena wie der Verlag Kirchschlager in Arnstadt. Die Bauhaus-Uni Weimar ist gleich dreifach vertreten, am spektakulärsten durch ihre Studenten. Die haben sich ihren Messestand wieder selber gebastelt, aus 28 000 ineinandergesteckten weißen Pappquadraten. "Hier ist nichts geklebt und nichts verschraubt", schwört Projektleiter Torsten Müller und verweist auf die Bauhaus-Tradition des interdisziplinären Arbeitens. An diesem "PappPalast", der sich filigran in Halle 3 aufschwingt, bleibt jeder stehen und wirft einen Blick in sein Inneres, wo studentische Modelle, selbstgestaltete Bücher, Postkarten und Scherenschnitte ausgestellt sind. In sicherem Abstand logiert der Uni-Buchverlag. "Wir würden dort untergehen. Wir sind die Wissenschaft", erklärt Heidemarie Schirmer. Aber den Humor pflegt man auch hier: Mit "Stromausfall im Bauhaus" von Silke Opitz und Judith Drews ist das erste Bauhaus-Kinderbuch in Vorbereitung.