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12.06.2003

Leidenschaftliches Film-Plädoyer für Toleranz

von Kathrin Hofmann Ostthüringer Zeitung

Wolfgang Held mit "Einer trage des anderen Last" zu Gast in Greiz

"Ich hatte das große Glück, für mein Drehbuch in Lothar Warneke einen Regisseur zu finden, der Theologie studiert hatte. Wir waren beide von Anfang an darüber einig, dass in unserem Film weder der Christ noch der Atheist als Sieger hervor gehen sollten", erzählt Drehbuchautor Wolfgang Held gestern Mittag im Greizer Kinosaal des UT 99. Einige Augenblicke vorher war die Schlussszene des DEFA-Erfolgsfilms "Einer trage des anderen Last" gelaufen, der vor 15 Jahren seine Premiere erlebte. Das Drehbuch war seit den Siebzigern fertig, erzählt der Weimarer, doch fast 15 Jahre habe es gedauert, bis sich Held und Warneke gegen die Borniertheit der Kulturfunktionäre haben durchsetzen können. Der Staatssekretär für Kirchenfragen, der die erste Aufführung nicht mehr erlebte, habe sich sehr für den Film eingesetzt, erinnert sich der 72-jährige Autor. Auch die beginnende Gorbatschow-Ära habe einiges aufgebrochen. Ein leidenschaftliches Plädoyer für die Toleranz und ein friedliches Miteinander, eine Studie, die fein beobachtet und in ihrer Vielschichtigkeit beeindruckt, entstand, die nicht nur in den Kinos der DDR wochenlang ausverkauft war und viel diskutiert wurde, sondern auch weltweit Aufsehen erregte. Bei der Premiere in Kairo hatte Held befürchtet, dass der Konflikt zwischen Heiliger und Koschenz, zwischen Polizist und Vikar, zwischen Atheist und Christ, die sich in einem Sanatorium ein Zimmer teilen und miteinander auskommen müssen, von den Arabern nicht verstanden werden würde. Doch weit gefehlt. Sie lobten die Werbung um Toleranz im Interesse des Weltfriedens und übertrugen sie auf den Konflikt zwischen Israel und Palästina. Die Genauigkeit der Geschichte bis ins Detail erklärt sich daraus, dass es weitgehend Helds eigene Geschichte ist. Ein junger Vikar aus dem Thüringischen teilte das Zimmer seinerzeit mit ihm. "Wir haben beide eine Menge gelernt, eigentlich verdanke ich ihm mein Leben", betont der Schriftsteller nachdenklich. Um gleich darauf begeistert zu erzählen, dass er damals sehr verblüfft darüber gewesen ist, dass der junge Geistliche sich besser in der Fußball-Oberliga auskannte, als er. Und weil man optisch nicht alles umsetzen und erzählen kann, wie Wolfgang Held gestern den über 200 Schülerinnen und Schülern aus Gymnasium und Berufsbildenden Schulen erklärte, schrieb er nach dem Drehbuch die gleichnamige Romanfassung, die im vergangenen Jahr nochmals aufgelegt wurde.

"Einer trage des anderen Last" - ein Höhepunkt der Greizer Veranstaltungen innerhalb der Thüringer Literatur- und Autorentage, der am Abend in der Reihe "Der besondere Film" gleich wiederholt wurde. Eine "Gemeinschaftsproduktion" von Bibliothek, Kino und Filmclub, die von der Literarischen Gesellschaft Thüringen unterstützt wurde.

Ein Film, der nichts an Aktualität einbüßte, der sowohl einen Blick in die Historie als auch in Konflikte der Gegenwart erlaubt.