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10.09.2005

Leidenschaft: 31 Jahre Aufbau-Lektorin

von Frank Quilitzsch TLZ

60 Jahre Berliner Aufbau-Verlag: Angela Drescher kennt das größte Editionshaus Ostdeutschlands schon aus DDR-Zeiten, als es bis zu 80 Lektoren beschäftigte. Jetzt, nach der Wende und erfolgreicher Privatisierung des Unternehmens, gehört sie zu jenen 15 Köpfen, die die jährlichen Buch-Programme der Aufbau-Verlagsgruppe entwickeln und die Titel mit den Autoren erarbeiten. Wie das vonstatten geht und was eine Lektorin heute zu leisten hat, erläutert sie im Interview.

Frau Drescher, Sie sind gerade aus dem Urlaub zurück. Wie viele neue Manuskripte türmen sich denn auf Ihrem Schreibtisch?

Das weiß ich nicht. Es sind viele. Ich habe schon etliche abgelehnt.

Das Ablehnen geht offenbar schnell.

Da hilft mir meine Erfahrung. Wenn jemand nicht schreiben kann, nützt alles nichts. Und das kann man meist relativ schnell erkennen.

Sie lektorieren schon seit drei Jahrzehnten. Wird das nicht irgendwann langweilig?

Nein. Jeder Tag, jeder Autor, jedes Buch ist anders. Man wird ständig mit Neuem konfrontiert. Mal macht man einen Bildband, mal ein Sachbuch zu einem Thema, über das man sich noch nie richtig Gedanken gemacht hat.

Sie lassen sich gern von einem Autor überraschen?

Manchmal schon.

Von wem zum Beispiel?

Ein Buch, das mich in den letzten Monaten sehr beeindruckt hat, war der jüngste Roman von Selim Özdogan "Die Tochter des Schmieds". Er hatte als sehr junger Mann angefangen zu schreiben und schon mehrere Bücher bei uns veröffentlicht, in denen es um Jugendprobleme ging und die ein bisschen flapsig erzählt sind. Dieser Roman aber erzählt die Geschichte einer Frau aus Anatolien zwischen den 40er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, und der Autor schafft es, das Leben der Frauen lebendig werden zu lassen. Das hatte ich so nicht erwartet von ihm. Nicht so bald.

Lektor ist doch eigentlich ein schöner Beruf: Man darf den ganzen Tag lesen ...

Schön wär´s. Zum Lesen ist leider viel zu wenig Zeit, das macht vielleicht zehn Prozent meiner Arbeitszeit aus. Ein Lektor muss heute ein Buch allseitig betreuen. Dazu gehört, dass man nicht nur liest, redigiert und mit dem Autor über die Struktur und die Figurenperspektive spricht. Es müssen Verträge ausgehandelt, Rechte eingeholt werden. Der Lektor muss sich um Bildmaterial kümmern, Sachverhalte prüfen und Werbetexte schreiben. Er ist fast in allen Belangen Ansprechpartner und Helfer des Autors.

Wie mutig, wie risikobereit ist der Aufbau-Verlag?

Er ist so mutig, dass er immer wieder jüngeren Autoren in verschiedenen Genres eine Chance gibt und abwartet, wie sich diese Autoren entwickeln. Wir verstehen uns immer noch als Autorenverlag, der nicht auf ein einziges Buch eines Autors setzt, sondern gerne längerfristig mit ihm zusammenarbeitet.

Wen begleiten Sie schon über längere Zeit?

Thomas Lehr, zum Beispiel. Das ist ein Autor, der anfangs - obwohl wir seine Manuskripte für sehr interessant hielten - auf relativ wenig Resonanz beim Leser gestoßen ist. Das Presseecho war groß, er bekam renommierte Preise, aber der Verkauf war nicht dementsprechend. Dann hat er mit "Nabokovs Katze" seinen ersten größeren Erfolg gehabt. Der wurde durch "Frühling", einen relativ komplizierten Text, auch bestätigt, und jetzt haben wir seinen neuesten Roman gebracht, der wieder so ein Wagnis ist.

Sie haben bis kurz nach der Wende mit Christa Wolf und Christoph Hein gearbeitet. Müsste der Name der Lektorin nicht im Buch erwähnt werden?

Der Lektor, so wie ich den Beruf verstehe, sollte immer hinter den Autor und sein Buch zurücktreten.

Welche Bücher von Christa Wolf haben Sie betreut?

"Störfall", "Sommerstück", "Was bleibt" - eine Erzählung, die ich immer noch sehr gut finde, auch wenn sie viel Aufregung erzeugt hat. Dann in den letzten Jahren noch die Briefwechsel - mit Brigitte Reimann, mit Franz Fühmann und mit Anna Seghers.

Was hat Ihnen ganz persönlich diese Zusammenarbeit gebracht?

Viel! Allein die Anregungen, die man bekommt! Autoren haben ihre eigene Sicht und einen eigenen Umgang mit der Welt, davon kann man im Leben nicht genug bekommen. Ich weiß gar nicht, wie ich heute wäre, wenn ich den einen oder anderen Autor nicht kennen gelernt hätte.

Wie war Ihre Zusammenarbeit mit Christa Wolf? Wie reagiert eine so renommierte Autorin auf Vorschläge?

Christa Wolf ist selbst ihre beste Kritikerin. Und dann hat sie mit ihrem Mann, Gerhard Wolf, einen vielleicht noch schärferen Kritiker an ihrer Seite. Erst wenn ihr Manuskript diese beiden "Schleusen" passiert hat, gibt sie es dem Lektor.

Und der hat dann gar nichts mehr zu tun?

Das kann man nicht sagen, weil sie eine ausgesprochen selbstkritische Autorin ist und auch vom Lektor Kritik erwartet, geradezu verlangt. Es gibt andere Autoren, die wollen eher bestätigt werden.

Schriftsteller sind äußerst sensibel. Wie sagen Sie einem Autor, dass die vierte, fünfte oder sechste Fassung seines Manuskripts immer noch nicht geglückt ist?

Das ist ganz schwer. Und da geht´s mir oft ziemlich schlecht, wenn ich so etwas machen muss. Weil man zu vielen Autoren im Laufe der Zeit ein enges Verhältnis entwickelt, das manchmal sogar freundschaftlich wird. Man möchte ihm nicht weh tun, andererseits weiß man: Was der Lektor ihm nicht sagt, sagen ihm spätestens die Kritiker und Leser. Davor möchte man ihn doch schützen. Ich versuche, dem Autor zu zeigen, wo etwas gelungen ist, und spreche dann mit ihm die weniger gelungenen Passagen durch. Er muss merken, dass man ihm helfen will.

Bei dem todkranken Harald Gerlach kam noch ein anderes Problem dazu - ihm lief die Zeit davon. Konnten Sie ihm helfen?

Ich glaube, ja. Gerlach ist sehr offen mit seiner Krankheit umgegangen. Er war ein Formulierungskünstler mit einem wunderbaren Gedächtnis, um das ich ihn immer beneidet habe. Und es war traurig zu sehen, wie er beim Denken und Schreiben immer stärker behindert wurde. Andererseits hatte er den absoluten Willen, sein Buch zu Ende zu schreiben. "Blues Terrano" war so etwas wie sein Vermächtnis. Er hat den Roman leider nur zu zwei Dritteln geschafft, aber so weit, dass wir uns getraut haben, ihn als Fragment zu veröffentlichen. Der Text war oft sehr sprunghaft und manche Teile waren noch nicht richtig ausformuliert, so dass Gerlachs Frau und ich versucht haben, den Autor abzufragen, was er mit entsprechenden Passagen meinte, und eventuelle Änderungen vorzuschlagen. Das Berührende an der Zusammenarbeit mit Gerlach war, dass er, weil er diese Aufgabe noch vor sich hatte, so relativ lange noch gelebt hat. Die Ärzte hatten ihm viel weniger Zeit gegeben. So hat er noch sehen können, wie sein Buch in die Welt kommt.

Haben Sie auch Klaus Schlesinger betreut, der seinen Roman "Die Seele der Männer" nicht mehr abschließen konnte?

Ja. Da war es ähnlich. Schlesinger hatte eine andere Arbeitsmethode als Gerlach, und er hat seine Krankheit sehr lange verdrängt. Schlesinger hat sehr intensiv hintereinander weg geschrieben und dann sofort die Meinung des Lektors abgefragt.

Bis vor wenigen Tagen hatten Sie Landolf Scherzer unter Ihren Fittichen. Was ist das für ein Fall?

Ein ganz anderer, aber auch sehr spannend. Scherzer hat die Gabe, hinter Masken und Posen zu gucken, das gesellschaftliche Getriebe zu durchschauen und dahinter den Menschen zu finden. Bei ihm freue ich mich auf jedes neue literarische Projekt.

Hatten Sie mit dem "Grenzgänger" viel Arbeit?

Das war work in progress, aber es hat Spaß gemacht. Scherzer ist die Grenze abgewandert und hat schon geschrieben, während er noch gelaufen ist. Das war nichts, was sich runden würde; die Klammer war der Weg. Ich habe angefangen die ersten Kapitel zu redigieren, bevor er die letzten Etappen gelaufen ist. Scherzer sammelt enorm viel Material, führt viele Gespräche und Interviews. Die sind auf ihre Art immer interessant, aber bei einem Projekt wie dem "Grenzgänger" wiederholen sich ab einem bestimmten Punkt auch manche Fragestellungen. Scherzers Berichte sind unmittelbar und leben stark vom Gesprochenen. Das muss gerafft werden, ohne dass der Sinn und die Authentizität verloren gehen.

Sind Sie zufrieden mit dem fertigen Scherzer-Buch?

Ich hab´s im Umbruch noch mal gelesen und finde es durchweg interessant.