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18.03.2016

Legende von einem Hiob aus unseren Tagen

von Martin Straub TLZ

Foto: privat

Fünf Bücher von Daniela Danz sind in den letzten 10 Jahren im Wallstein Verlag erschienen. Dem Roman „Türmer“ (2006) folgten die Lyrikbände „Pontus“ (2009) und „V“ (2014), wobei „Pontus“, für einen Lyrikband heutzutage ungewöhnlich, bereits zum vierten Mal aufgelegt wurde. Nun legt die Dichterin, rechtzeitig vor der Leipziger Buchmesse, erneut ein Roman vor.

Die promovierte Kunstwissenschaftlerin und Leiterin des Schillerhauses zu Rudolstadt, deren Arbeit über den Krankenhaus-Kirchenbau gleichfalls bei Wallstein erschien, avancierte in den letzten Jahren zu einer geachteten  Autorin im deutschsprachigen Raum. Und wenn etwas in dem vielstimmigen Echo übereinstimmenden hervorgehoben wird, ist es die Klarheit ihrer vielschichtigen Sprache, mit der sie geschichtliche und gesellschaftliche Tiefenräume in ungewöhnlicher Weise erschließt.

So auch in dem jüngsten Roman „Lange Fluchten“. Auf den ersten Blick ist es eine  beinahe banal anmutende Alltagsgeschichte um den ehemaligen Zeitsoldaten der Bundeswehr Constantin Staas, genannt Cons, seine Frau Anne und die zwei Söhne. Freilich die Behausung der Familie ist ungewöhnlich. Sie wohnen verschuldet neben einer Bauruine auf ihrem Grundstück in einem Container, oben Anne und die Jungen, unten Cons.  Der Soldat des Fallschirmjägerbataillons 273 musste wegen eines „Aussetzers“ vor zwei Jahren den Dienst quittieren. Der erhoffte Kosovo-Einsatz fand nicht statt. “Und jetzt sind meine zwölf Jahre rum, ich bin draußen. Und die sind froh, weil ich nicht mehr so richtig funktioniere.“  Aber das ist nur die zeitnahe Oberfläche.

Der Name Constantin bedeutet so viel wie der Standhafte, der Beständige. Das mag für den Soldaten so lange zutreffend gewesen sein, bis er aus einer soldatischen Ordnung ausscherte, die er gern und freiwillig auf sich genommen hatte und als notwendig verteidigte. Nun ist er ein Flüchtling vor sich selbst. Er fällt mehr und mehr aus Zeit und Raum. Nur in der Waldeinsamkeit, auf der Jagd, findet er Ruhe.

Daniela Danz erzählt keine der inzwischen üblichen Armee-Geschichten von durch Kriegseinsätzen traumatisierten Soldaten. Mit ihrem überschaubaren Figurenensemble bewegt sie mit dem Gang der Handlung eher die Frage, was für eine Anstrengung ein alltägliches Leben verlangt mit seinen Mühen und Freuden, seinen Fragen um das alltägliche Brot, seinen Lieben und Freundschaften, mit all seinen Unwägbarkeiten und oft unerklärlichen Brüchen zwischen Geburt und Tod. Und das betrifft nicht nur Cons sondern auch den Freund Henning, der sich unheilbar erkrankt das Leben nimmt. Und so entsteht vor dem Leser auf engem Raum ein gewöhnliches Leben mit ungewöhnlich vielen Facetten, das in einer nuancenreichen Sprache, motiv- und bildreich ausgeschritten wird. 

Als Cons den Freund zu Grabe trägt, wird eine Stelle aus dem Johannes-Evangelium zitiert: „Wundere dich nicht,dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden.“ 

Dieser Imperativ steht auch vor dem ehemaligen Soldaten. Er versucht es. Er stemmt sich tapfer, aber vergeblich gegen sein Unheil und fragt sich immer wieder, was es mit diesem  Aussetzer, mit diesem „Riss“auf sich hat. Dabei wird er durchaus nicht allein gelassen. Frau und Freunde kümmern sich um ihn auf die ihnen gemäße Weise.

Sichtbar wird etwas vom humanen Potenzial eines alltäglichen Lebens. Sichtbar wird aber auch, es ist eine Geschichte, die sich, geht man ihr auf den Grund, immer wieder und tausendfach wiederholt, auf Messers Schneide steht. Weil das Leben dem einzelnen neue Anforderungen stellt, und er die gewohnten Bezirke verlassen und sich immer wieder auf seinem Feld zwischen Fremd- und Selbstbestimmung bewähren muss.   

Zugleich ist es eine Geschichte mit doppelten Boden, aus deren Stoff Legenden  erwachsen oder ihr zugrunde liegen. Und so nähert sich auch der Gang der Handlung mehr und mehr Elementen einer solchen Legende, nämlich der von Eustachius, dem Jäger und Heermeister des Kaiser Hadrian, dem auf der Jagd ein Hirsch mit dem gekreuzigten Christus zwischen dem Geweih erscheint, worauf der Soldat sein Leben radikal ändert. Eine Hiob-Figur, die nach vielen Prüfungen und Wechselfällen des Lebens als Märtyrer stirbt.

Freilich, ein solches Schicksal ist Constantin nicht beschieden. „Lass mich noch einmal erzählen“, heißt es zu Beginn des vorletzten XXVI. Kapitels. Und der Erzähler des Romans überlässt  Cons die Geschichte. Er erzählt sie von einem Ort aus, zu dem er immer wiederkehrt, jener Waldwiese, die dem Leser schon am Anfang des Romans in einer kursiv gedruckten Passage des Textes begegnet. Schon da fragt man sich, ist das noch ein realer Boden? Spricht da Cons, nun der Erzähler, aus dem Jenseits, oder einem Geisteszustand, der die Welt hinter sich gelassen hat? Eigentlich gibt es ja in dem Roman keinen wirklichen Schlusspunkt, schon gar kein happy end. Damit müssen wir leben. Da dieses Leben nicht einfach ist, mag es viele Möglichkeiten geben, auch für Cons. Sind es nicht auch Geschichten, die immer wieder neu erzählt und so zu Legenden werden? Denn eigentlich sind diese Legenden mit ihren Wechselfällen des Lebens viel näher an der Realität, als man es wahrhaben möchte.