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14.03.2009

Lebenszeichen einer Ex-Weltmacht

von Frank Hommel Freies Wort

Wir haben es mehr als einmal beklagt an dieser Stelle: Wer vom Dichterland Thüringen spricht, spricht von der Vergangenheit. Von Goethe, Schiller, der Weimarer Klassik. Große Namen und goldene Zeiten, die noch immer alles
überstrahlen, was in hiesigen Breiten auf literarischen Pfaden wandelt. Heutige Schriftsteller aus dem Freistaat haben's schwer, ihre Worte zu versilbern. Nur
wenige, die mit geschriebenen Büchern so viele Brötchen verdienen können, dass es zum Sattwerden reicht. Ganz zu schweigen davon, in gesellschaftlichen Debatten ein
gewichtiges Wort mitzusprechen. Das Kultusministerium hat für die Förderung aktueller Dichter und Denker vergleichsweise nur ein paar Groschen übrig. Wer in
Buchhandlungen in Erfurt oder Weimar nach der Rubrik "Thüringer Bücher" sucht, stößt auf spärlich gefüllte Regale, die nicht eben Gefahr laufen, unter der Last der Heftchen zusammenzubrechen.
Zwar attestiert der jüngst veröffentlichte Kulturwirtschaftsbericht dem "Literatur- und Buchmarkt", mit knapp 370 Millionen Euro im Jahr der umsatzstärkste Teilmarkt der Kulturwirtschaft zu sein. Doch weil die Autoren des Berichts darunter alle Verlage und Buchhandlungen zählen, kann man daraus nicht darauf schließen, welche Werte Schriftsteller im Freistaat schaffen oder umsetzen. Auch journalistische
Erzeugnisse schlägt der Bericht der Einfachheit halber der Literatur zu. Immerhin, so sagt er, ist der schöpferische Anteil seit 1999 gestiegen. Wie groß dieser Anteil
aber ist, darüber schweigen sich die Autoren aus.
Doch im Bücher-Ozean der Buchmesse Leipzig schwimmen in diesem Jahr auch ein paar Eimer aus Thüringen. Frischwasser aus den Quellen des Freistaats, der sich 2009
weitaus besser verkauft als in den Jahren davor. Dem Schriftstellerverband ist es gelungen, für die Lesung mit seinen Autoren einen Lesebereich mitten in den
Messehallen zu ergattern. Im vergangenen Jahr lasen die Thüringer noch in einem kaum bekannten Café fern von allem städtischen Leben - und vor entsprechend wenig
Publikum. Das kann direkt auf der Messe nicht passieren, wo sich ein nie erschöpfender Menschenstrom wie ein tausendköpfiger, valium-trunkener Lindwurm durch die Gänge schiebt. Jenen, die bei den Thüringern hängen geblieben sind, mag vor allem die stilistische Bandbreite der Werke aufgefallen sein, mit denen sie die Buchmesse bereichern.

Zu den prominentesten Schriftstellern des Freistaats zählt nach wie vor der Suhler Landolf Scherzer. Zu seiner Lesung, nicht auf der Messe, sondern abends in Leipzig, haben Fans extra frühere Werke mitgebracht, die sie sich vom Meister der Reportage signieren lassen. Scherzers neues Buch ist auch ein Exzerpt früherer Veröffentlichungen. "Die alkoholfreie Hochzeit" versammelt Reportagen von Mitte der 70er bis Mitte der 90er Jahre. Mit dem Buch hat der in Berlin und Ranis ansässige
Nora-Verlag die Reihe "Verlegtes wiedergefunden" gestartet. Seine Auswahl mit Beobachtungen und Begegnungen, gesammelt in der Sowjetunion, Russland, der DDR, dem wiedervereinigten Deutschland sowie Mocambique will Scherzer nicht als "Best-of"-Sammlung verstanden wissen. Aus manchen Geschichten schimmert der Glaube
des Hoffenden auf einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Und doch bewegt - neben dem Humor und der Menschlichkeit - Scherzers Meisterschaft, in kleinen Bildern die große Tragik dieser Welt und ihrer Bewohner zu spiegeln. Ein Buch, das jeden sehen macht, der seine Augen kurz zu schließen vermag.
Ein anderer Südthüringer, Hendrik Neukirchner aus Suhl, stellt auf der Messe mit dem Gitarristen Thomas Schlauraff die literarische CD "Großstadtsinfonie" vor. "Das
Kontrastprogramm", sagt Neukirchner dazu, und als "fantastische Surrealistik", beschreibt Moderator Martin Straub den Charakter dieser Texte. Der Geschäftsführer des Vereins Lesezeichen Ranis hat sich damit einer euphemistischen Umschreibung bedient: Neukirchners düstere Visionen strotzen nur so vor brutalen, schockierenden und schrägen Wortassoziationen, die den Reiz der Texte ausmachen. Das ganze ist
quasi weniger als die Summe seiner Teile: Ausdrücke wie "flambiertes Asylantenheim in Champagnersoße", das Beschreiben der Finanzkrise als "einen gewaltigen Furz" oder jene Zeile darüber, wie sich der Protagonist ein "Klistier aus Brennstoffzellen und Rubinen meterweit" in die umgangssprachlich bezeichnete Körperöffnung "rammte", hinterlassen beim Publikum bleibenden Eindruck.
Doch Thüringen ist allgemein natürlich weniger Apokalypse, sondern viel eher Beschaulichkeit. In diesem Spektrum agiert Sylvia Weigelt. Zusammen mit Rainer Hohberg ist sie den Ursprüngen diverser Necknamen für Thüringer Stadtbewohner auf den Grund gegangen. Kurzweilig, witzig und lehrreich erzählt sie, warum die Erfurter
über die Bezeichnung "Puffbohnen" eigentlich noch froh und die Bewohner Bleicherodes auf die Bezeichnung "Schneckenhengste" sogar stolz sein können. Ingrid und Ulf Annel wandten sich klassischem Stoff zu, berichten diverse Anekdoten aus Schillers Leben,
kompakt, kurz und knackig. Auch Spannung made in Thüringen bietet die Buchmesse: Jugendbuchautorin Antje Babendererde hat mit "Starlight Blues" um den Privatdedektiv Adam Cameron ihren ersten Krimi verfasst. Ihrem Thema, den Ureinwohnern Nordamerikas, ist sie mit diesem Buch treugeblieben. Kurz: An kreativem Potenzial mangelt es im Freistaat keineswegs. Nur fehlt, neben der staatlichen Unterstützung, das Zugpferd, das die Blicke in den Freistaat lenkt.