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20.10.2003

Leben in zwei Sprachen

von Frank Quilitzsch TLZ

Der tschechisch-deutsche Autor Jan Faktor las in Weimar

Weimar. (tlz) Sein Tschechisch sei nach 26 Jahren "Fast-Abstinenz" kein perfektes und vor allem kein ganz aktuelles Tschechisch mehr, denn er fahre nur noch selten nach Prag. Er habe dort kaum noch Freunde und kenne die gegenwärtige Literaturszene nicht, bekennt Jan Faktor. Mit einem Satz: "Ich lebe nicht mehr mit der tschechischen Sprache."

Sein Deutsch ist fehlerfrei, und wenn man über den Akzent hinweghört, könnte man Jan Faktor für einen Landsmann halten. Auch seine Bücher schreibt der 1951 in Prag geborene Schriftsteller inzwischen in deutscher Sprache. Aber Faktor ist Tscheche, der politische und kulturelle Niedergang nach 1968 hat ihn in die innere Emigration getrieben; 1977 heiratete er die DDR-Bürgerin Annette Simon und zog nach Berlin. Dort experimentierte er anfangs noch in tschechischer Sprache, um seine Texte hernach selbst ins Deutsche zu übersetzen. Heute hat er seine Familie und Freunde in Berlin und liest fast ausschließlich deutschsprachige Bücher, mit anderen Worten: Der tschechische Schriftsteller Jan Faktor lebt mit der deutschen Sprache.

Natürlich ist auch sein neuer Roman, den er am Sonnabend beim Lesekonzert in Weimar vorstellte und der den Arbeitstitel "Schornstein" trägt, auf Deutsch verfasst und handelt auch vom deutschen Filz der Bürokratie. Faktor las Auszüge aus dem noch nicht fertigen Manuskript, das er von 1000 auf 400 Seiten gekürzt hat. Episoden, die vor allem von einer humorvollen Wiedergabe skurriler Details zeugen. Die Richtung des Erzählens wie auch die Struktur des Romans waren aus dem Gehörten nicht so recht zu erkennen, da brachte erst das folgende Gespräch etwas Aufschluss. Begleitet wurde die vom Lese-Zeichen e. V. und der Musikhochschule Weimar ausgerichtete und von erfreulich vielen jungen Leuten besuchte Lesung von der tschechischen Akkordeonistin Jana Bezpalcova, die Werke von Janacek und Lundquist spielte. Übrigens schreibt Faktor den Roman seiner Kindheit wiederum in Tschechisch.

! 8. November: György Dalos (Ungarn), Villa Altenburg in Weimar