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14.04.2011

Landolf Scherzer wird heute 70

von Annerose Kirchner Ostthüringer Zeitung

Landolf Scherzer mit Jugenbild. Foto: Annerose Kirchner

Ein langweiliges Leben ist ihm fremd. Immer ist er in Bewegung. Selbst heute, an seinem 70. Geburtstag, hält es Landolf Scherzer nicht in Thüringen. Ein paar Tage an der See, um danach zu Hause die eingegangene Glückwunschpost zu lesen. Eine Feier wird es nicht geben. Auch keine Geschenke. "Ich habe unter dem Eindruck der Katastrophe in Japan Auszüge aus meiner Reportage Zwei Versuche, mich Tschernobyl zu nähern' auf CD gesprochen. Mit dem Erlös des verkauften Hörbuchs möchte ich strahlengeschädigte 'Tschernobyl-Kinder' unterstützen, damit sie einen dreiwöchigen Urlaub in einem strahlungsfreien Gebiet von Belorussland verbringen können." Wie so oft in seinem Leben hat sich Landolf Scherzer spontan für diese Aktion entschieden, so wie er sich nach der Wende ohne Bedenken mit den Kalikumpels von Bischofferode solidarisierte oder mit den Suhler Philharmonikern in den Hungerstreik trat.

Kaum zu glauben, dass dieser quicklebendige Typ schon 70 sein soll. "500 Kilometer zu laufen, macht mir körperlich noch nichts aus. Dagegen habe ich Angst, meine Neugierde zu verlieren." Vehement kritisiert er das Leben im Augenblick. Spektakuläres ist ihm fremd. Er erzählt authentisch, was er selbst erlebt hat. Das ist "Wirklichkeit in nahrhafter Form", meint sein Freund Günter Wallraff.

Europa hat er bereist, kam bis nach Sibirien. Sein bestes Buch heißt "Fänger und Gefangene" (1983) und bündelt Erlebnisse auf einem DDR-Fischtrawler vor Labrador. Für Aufsehen sorgte "Der Erste" (1988) ein schonungsloses Buch über die Tücken des realen Sozialismus, mit denen der SED-Kreissekretär von Bad Salzungen zu kämpfen hat.

Nach der Wende fiel Landolf Scherzer, der Sachse aus Dresden, der nun schon über vier Jahrzehnte in Thüringen lebt, nicht wie mancher Kollege in ein schwarzes Loch. Er blieb sich politisch treu als überzeugter Sozialist und fand neue Themen im neuen Deutschland. Nach seiner Grenzwanderung durch Bayern, Thüringen und Hessen ("Der Grenz-Gänger", 2005) lief er durch Osteuropa ("Immer geradeaus", 2010) und veröffentlichte jüngst Reportagen über Tschernobyl, Millionäre in Radebeul, DDR-Helden der Arbeit, die "Erben der Öfen" oder einen Besuch im Puff.

Kürzlich war er in China. "In Peking hatte ich Zeit, bin nicht gelaufen und habe Tagebuch geführt." Er suchte die Begegnung mit Leuten von ganz unten: Wanderarbeiter, Putzfrauen, Straßenkehrer. "Ich kann nicht sagen, so oder so ist China. Ich kann nur sagen, was ich erlebt habe."

Daraus macht er ein neues Buch, das wohl nächstes Frühjahr im Aufbau Verlag erscheinen wird. Material hat Landolf Scherzer genug, darunter auch Porträts von 200 Menschen, die er vorm Mao-Bild auf dem Platz des Himmlischen Friedens fotografierte.