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26.04.2012

Landolf Scherzer hielt Lesung in Eisenach

von Klaus-Peter Kaschke Thüringer Allgemeine

Der Schriftsteller Landolf Scherzer berichtete, was er an der Eisenacher Essensausgabe sah, als er dort drei Wochen half. Seine Lesung behandelte welken Salat und das welke Leben in der zweiten Klasse der Gesellschaft.

 

Eisenach. Armut - der Reportage-Autor Landolf Scherzer hat sie selbst erlebt, auch in Deutschland. Der in Erfurt lebende Schriftsteller stellte sie in den Mittelpunkt seiner Lesung. Dazu hatte am Dienstagabend die Rosa-Luxemburg-Stiftung ins "Theater am Markt" (TAM) eingeladen. Zunächst griff sich der Journalist, der Ende der 1980er-Jahre mit seinem DDR-Bestseller "Der Erste" und dessen Nachwende-Nachfolger "Der Zweite" deutschlandweit für Aufsehen sorgte, sein 2010 erschienenes Buch "Letzte Helden". Aus diesem Buch hatte er zwar bereits im vergangenen Jahr in der Buchhandlung "Die Eule" vorgetragen. Doch wegen der inhaltlichen Verbundenheit mit Eisenach hat es nichts an Brisanz verloren. Darin berichtet Scherzer in der Tradition seines Duz-Freundes Günter Wallraff ("Ganz unten") von einer dreiwöchigen Tätigkeit bei der "Eisenacher Tafel". Mit einer mitunter befremdlich wirkenden Distanziertheit beschreibt Scherzer den Umgang mit den Ärmsten in der Stadt, die von den Mitarbeitern mit ausgesonderten Lebensmitteln aus Supermärkten gespeist und mit abgelegten Textilien gekleidet werden. Mit eigenen Händen hatte Scherzer "an der Front der Bedürftigen" verwelkten Salat, verschimmelte Champignons und abgelaufenes Müsli sortiert, Kartons gestapelt und sich unter die sogenannten Abholer gemischt. "Die normale deutsche Frau überlegt, was sie kochen will, und kauft dann ein. Die Abholer bekommen etwas in die Hand gedrückt und müssen dann entscheiden, was sie daraus zubereiten können!"

Dauergast im Jobcenter trotz Hochschulabschluss

Als geschulter Beobachter belässt er es nicht dabei, seine Erlebnisse zwischen Warteschlange, Essensausgabe und Kleiderkammer zu schildern. Er versucht auch, sich den Almosenempfängern emotional zu nähern, ihre Betroffenheit und Dankbarkeit zu dokumentieren und aufzuzeichnen, wie sie in die "zweite Klasse der Gesellschaft" abrutschten. Beispielhaft lässt er ein akademisch gebildetes, früher in hohen Positionen tätiges Eisenacher Ehepaar zu Wort kommen, für das das Nummernziehen im Jobcenter seit langem zur unsäglichen Routine zählt. Gerade dieser Teil der Lesung nimmt sehr persönliche Züge an, weil er einen bedrückenden Einblick ins Leben von Hartz-IV-Empfängern ermöglicht. In dieser Parallelwelt ist Armut normal geworden. Vor zwanzig Jahren hatte ein Bundeskanzler allen DDR-Bürgern versprochen, dass es nach der Wiedervereinigung keinem schlechter gehen werde. Ungeachtet aller inneren Anteilnahme vermeidet es Scherzer, allzu ostalgisch zu werden - er zitiert ausschließlich seine Gesprächspartner. Es las außerdem aus weiteren seiner Bücher. Darunter war das Porträt einer westdeutschen Prostituierten, die in Südthüringen Fuß zu fassen versucht und kurz vorm Verzweifeln steht. Scherzer berichtete ferner vom Besuch im 30-Kilometer-Sperrgürtel rund um das ukrainische Atomkraftwerk Tschernobyl, bei dem er schlimmste Armut und Hoffnungslosigkeit, aber auch tödliche Verstrahlungen und Erbkrankheiten miterleben musste. Den Abschluss bildete eine kurze Stippvisite in China. Von seiner Reise in das Riesenland, in dem Scherzer erst unlängst unterwegs war, um das Leben jener Millionen Wanderarbeiter zu studieren, die den neuen Reichtum Chinas erwirtschaften, trug er die Geschichte von "Madame Zhou" aus seinem gleichnamigen Reportageroman vor, bevor er schließlich mit den interessierten Zuhörern über seine mannigfaltigen Erlebnisse und Erfahrungen diskutierte.