Presse - Details

 
25.05.2002

Kurz gefragt

von Stridde TLZ

Roman-Kanon: Hilft er weiter?

Im Prinzip nicht, sagt Dr. Martin Straub

Jena. (tlz) Jetzt wissen wir's. Literaturpapst Marcel ReichRanicki hat einen Schuber Bücher herausgegeben - den ?Kanon? der 20 wichtigsten deutschen Romane vom späten 18. bis zum späten 20. Jahrhundert. Von Goethes ?Werther? und ?Wahlverwandtschaften? bis zu Thomas Bernhards ?Holzfällen?. Was Ihro päpstlich? Gnaden ausgewählt haben, löste freilich bundesweit einen Streit unter den Bücherfreunden aus. TLZ-Redakteur Thomas Stridde fragte gestern Dr. Martin Straub vom Lese-Zeichen e. V. - in Jena ansässiges Thüringer Büro zur Autoren und Leserförderung.

Was halten Sie von einem solchen Kanon?

Im Prinzip nichts. Es hat sich ja gezeigt, dass trotz einer langjährigen Kanon-Bildung, wie wir sie in der DDR hatten, die Sache nicht aufgegangen ist. Wenn alles nach dem Kanon schreit, muss das nicht heißen, dass die Schüler mehr lesen. Meine These: Je mehr Kanon, desto, weniger lesen die Schüler, weil dieser Kanon an ihren eigentlichen Leseinteressen vorbeigeht.

Gerade wegen Retch-Ranickis Gewicht auf dem Literaturmarkt - kann man den ?Kanon? nicht zumindest als ?Krückstock? der Leserförderung betrachten?

Dass der Kanon herausfordert, weil er notwendigerweise Lücken lässt, ist klar. Insofern kann man darüber immer diskutieren. Aber ich denke, der Kanon steht aus zweierlei Gründen einer Leseförderung im Wege: Er kann überhaupt nicht auf einen lebendigen Literaturprozess reagieren. Die lebenden Dichter werden vom Kanon erschossen. Zweitens: Der jugendliche Leser verkümmert vor der Schwelle, die dieser Kanon setzt. Es ist auffällig, dass bei ReichRanicki das ganze weltliterarisch breit gefächerte Gebiet der Kinder- und Jugendliteratur überhaupt keinen Eingang findet. Wir haben in Deutschland zum Beispiel eine hervorragende Kinder- und Jugendliteratur. Aber in der Schule findet das nur ein äußerst geringes Echo. Jetzt ist es einfach die Frage: Will ich den Schülern ein Leseprogramm bieten, das auf ihre altersbestimmten Interessen eingeht und sie zu einem selbstständigen, kritischen
Lesen anregt? Oder zieh ich da ein Lehrprogramm durch, das eher den Spaß am Lesen austreibt? Freude auf die Welt und am Entdecken bekommen - das können Sie mit Reich-Ranickis Kanon nicht erreichen. Sie können aber eines erreichen, wenn Sie ein anderes Lesen lehren: dass man später zu diesen Büchern greift. Nun kann eine Schule nicht nur die Lese-Interessen von Schülern bedienen. Aber sie muss sie mitbedienen.

Wo sehen Sie außerdem Ursachen für die - laut ?Pisa? - mangelhafte Lesefähigkeit deutscher Schüler?

Ich will mich nicht zum Besserwisser gegenüber Deutschlehrern aufspielen.
Aber ich glaube, man lässt Schülern zu wenig Raum für eine eigenständige Erstrezeption. Schüler werden oft zu schnell in die Interpretation getrieben, die nicht die ihre sein kann. Manchmal habe ich den Eindruck, dass man - je höher dieses Kurssystem reicht - den Ehrgeiz hat, an der Schule germanistische Exerzitien zu treiben. Mit dem Kanon hat man noch lange nicht erreicht, dass dem Schüler die Literatur als ein ästhetisches Phänomen deutlich wird.

Welche drei, vier Bücher würden Sie mitnehmen, verbannte man Sie auf eine einsame Insel?

Auf alle Fälle die Bibel, dazu zwei dicke Lyriksammlungen, eine moderne und eine weltliterarIsche. Ern Gedicht kann nun mal unter Umständen 500 Seiten Roman in sich haben.