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07.10.2008

Kulturstadt als Tollhaus

von Frank Quilitzsch TLZ

Verkauf der Klassik-Immobilie muss verhindert werden, OB Wolf soll zurücktreten: Die Weimar-Preisträger Michael von Hintzenstern (l.), Gisela Kraft und Wulf Kirsten fordern eine Umkehr, um die Klassikstadt vor Schaden zu bewahren. Foto: tlz/Damm

Weimar. (tlz) "Wir fordern den Rücktritt des Weimarer Oberbürgermeisters Stefan Wolf (SPD)! Wir fordern die Annullierung des Vertrages zum Verkauf des Hauses der Frau von Stein! Wir verlangen, dass Stephan Märki im Amt bleibt! Und wir rufen die Bürger auf, sich im Interesse der Kulturstadt Weimar unserem Protest anzuschließen!"
Der Zorn ist gewaltig bei den Weimar-Preisträgern, die gestern in der TLZ-Kulturredaktion vorstellig wurden, um ihrer Sorge und ihrem Ärger über die Anti-Kulturpolitik in der Klassikstadt Luft zu machen. Die Schriftstellerin Gisela Kraft, der Lyriker Wulf Kirsten und der Musiker und Komponist Matthias von Hintzenstern mögen aus unterschiedlicher Perspektive auf die als so ungeheuerlich wie peinlich empfundenen Vorgänge blicken, doch in der Sache sind sie sich einig: Erst der fahrlässige Umgang mit dem traditionsreichen Haus der Frau von Stein, dann die Attacke gegen den DNT-Intendanten Märki: "Ahnungslosigkeit" beim OB und "Intrigierfähigkeit seiner Berater" - das sei eine gefährliche Mischung.

Wehret den Anfängen! - so könnte man den Appell der Weimar-Preisträger auf einen Nenner bringen. Mit dem Verkauf des Hauses der Frau von Stein an den umstrittenen spanischen Kunstsammler Bofill und dessen "Briefkastenfirma" schlittere die Stadt in eine "Riesenblamage" hinein, warnen sie. Am 14. Oktober soll der Kaufvertrag unterzeichnet werden. Die Kulturinitiative Thüringen hat "kreative Proteste" angekündigt, die von den drei Preisträgern unterstützt werden.

Klassikerbe wird als lästig empfunden

Was den Umgang mit dem Kulturerbe anbelangt, hätten die Stadtoberen konzeptionell nichts zu bieten, lautet ihre generelle Kritik. Von Visionen ganz zu schweigen. Stattdessen greife im Rathaus ein "Tagespragmatismus" um sich, so Kirsten. Statt Expertenrat einzuholen, seien der OB und seine Berater nur daran interessiert, eine als lästig empfundene Immobilie um jeden Preis abzustoßen. "Wir müssen hier nicht noch mal an die Geschichte und Tradition dieses Hauses erinnern, an seine enge Verbindung zur Klassik" - Goethe habe es quasi "bewohnbar gemacht".

"Ich bin bestürzt", erklärt Matthias von Hintzenstern der TLZ, "dass solch eine Situation eintreten kann." Statt eine sinnhafte Lösung zum Erhalt des kulturellen Erbes zu suchen, werde der einfachste Weg gewählt, selbst wenn er in dubiose Gefilde führt. Die Kulturstadt entwickle sich unter einem Oberbürgermeister Wolf zusehends zum Tollhaus!

Wäre es nicht ehrenhafter zu sagen: Wir haben uns geirrt, wir ändern im Interesse Weimars schleunigst den Kurs? fragt Kirsten.

Kein Zweifel, auch die schlafmützige Klassik-Stiftung trifft eine Mitschuld. "Sie hat viel zu spät reagiert", kritisiert Gisela Kraft. Der Präsident sei aber von der zweiten Ausschreibung nicht mehr informiert worden. Inzwischen habe er vor Bofill gewarnt und ein eigenes Konzept vorgelegt, das in der TLZ abgedruckt war, doch es wurde vom Kulturausschuss ignoriert. Die Frage lautet: Hat die Stiftung überhaupt noch eine Stimme in der Stadt?

Man muss die Notbremse ziehen!

Von Hintzenstern: "So darf das nicht weitergehen. Man muss die Notbremse ziehen!" Die Nutzung des Hauses sollte mit der Klassik verbunden bleiben.

Wie kann man die Stadt Weimar von ihrem Irrweg abbringen? Gisela Kraft: "Man muss alles versuchen, auch juristisch." Darin besteht unter den Dreien Konsens. Und auch der Widerstand in der Bürgerschaft, die nicht mehr bereit ist, den mit Kalkül betriebenen Dilettantismus tatenlos hinzunehmen, formiert sich. Man schaut den Oberen wieder auf die Finger.

"Man sollte den Begriff ,Kulturbürger´ ernst nehmen", betont Kirsten, der einen schleichenden Prozess einer Umwertung registriert. "Die Tendenz, geistig-kulturelle Werte nur noch als Belastung zu empfinden, nimmt zu." Ob Klassik-Immobilie oder Theaterintendanz, wenn es geht, werde versucht, möglichst alles im Eilverfahren abzuwickeln.

Natürlich sei die Bewahrung des kulturellen Erbes finanziell mit großen Problemen verbunden. Doch Weimar dürfe sein größtes Potenzial, die Kultur, nicht kurzsichtigen Interessen opfern.

"Weimars OB hat versagt, und er hat gelogen", konstatiert Gisela Kraft. Ein Vergehen nicht nur gegen die Kultur, sondern auch gegen die Demokratie, pflichten ihr Kirsten und von Hintzenstern bei. Nein, den Weimar-Preis werden sie nicht - wie Paul Raabe es für sich angekündigt hat - zurückgeben. Denn der sei ja nicht von der Obrigkeit, sondern im Namen der Kulturstadt verliehen worden und Verpflichtung, in ihrem Sinne tätig zu sein.