Presse - Details

 
20.03.2003

Kulturelle Werte werden zur Disposition gestellt

von Wulf Kirsten TLZ

Die Verantwortlichen glauben, in Weimar ein Exempel statuieren zu müssen

Der Weimarpreistriger und Schriftsteller Wulf Kirsten schreibt in einem“Offenen Brief an die Abgeordneten des Weimarer Stadtrats“ und darüberhinaus an all jene, die für Kultur-Erhalt im Lande Verantwortung tragen:
Das kommunale Desaster , das jetzt nach den bekannt gewordenen Streichorgien im Kulturbereich in der Öffentlichkeit hohe Wellen berechtigter Empörung schlägt, hat doch wohl entscheidend damit zu tun, dass sich ein Missmanagement von langer Hand nicht länger mittels Schönrednerei bagatellisieren bzw. vertuschen lässt. In jedem Wirtschaftsunternehmen wären längst entsprechende personelle Konsequenzen gezogen worden. Bei den KW-Vermerken sollte nicht vergessen werden, die Stelle des OB und seiner beiden Flügeladjutanten vorrangig mit einzubeziehen. Das weimarische Grundübel besteht in einer totalen Konzeptionslosigkeit, was nicht nur für den kultureIlen Bereich gilt. Und wo Vorarbeiten vorlagen, blieben sie in Schreibtischen verborgen. Jetzt wird ein armseliges Schwarze-Peter-Spiel versucht, in der Absicht, die Schuld auf andere abzuwälzen.
Zu fragen, das heißt zu untersuchen bleibt, ob überhaupt noch mit demokratischen Spielregeln gehandelt wird. Was da den Stadtverordneten zur Abstimmung vorgelegt wurde, erfolgte in einer Art Nacht-und-Nebel-Aktion. Der gewiss schwierige und unvermeidliche Reduktionsprozess, der eine Spur von Gerechtigkeit erkennen lassen müsste, ist eben nicht durch die demokratische Öffentlichkeit in den Ausschüssen solide vorbereitet und damit begleitet worden. Dies lässt den Schluss zu, die Stadt wird autokratisch regiert. Teils gegeneinander, teils miteinander, wenn ein Zweckbündnis auf Zeit opportun scheint. An dem Verständnis für das, was den größten Wert der Stadt ausmacht, mangelt es den Verwaltern des Mangels. Dies sei erst der Anfang des kulturellen Kahlschlags, wird da noch siegessicher verkündet.

Ein blamabler Aktionismus

Dabei werden unverzichtbare kulturelle Werte zur Disposition gestellt, die - wenn auch in Ableitung (sekundär) - zu den entscheidenden Wirtschaftsfaktoren gehören.
Auch wenn einzelne Stadträte wie zum Beispiel Herr Schäfer, in dessen hanebüchenen, unfreiwillig kabarettreifen Verlautbarungen Ludwig Thomas Landtagsabgeordneter Josef Filser fröhliche Urständ feiert, das nicht zu erkennen im Stande sein mögen.
Die hektischen Reaktionen der Verantwortungsträger, die in einen blamablen blindwütigen Aktionismus münden, zeugen von Kopflosigkeit (als Folge fehlender Konzepte!} und werden verheerende Folgen haben. Die Stadtspitze hat sich als regierungsunfähig erwiesen. Wenn man meint, tabula rasa zu machen, helfe der Stadt auf, irrt man sich gewaltig mit weitreichenden Konsequenzen.

Stadt darf auf Serie von Prozessen hoffen

Die Stadt wird sich auf eine Serie von Arbeitsgerichtsprozessen gefasst machen müssen. Geschlossene Einrichtungen, in deren Sanierung Landes- und vielleicht auch andere Außenmittel geflossen sind (z. B. allein in das Stadtmuseum ca. sechs Millionen Euro!) hätten Rückzahlungen zur Folge. Entfunktionalisierter Pseudo-Erhalt, etwa indem man das nahezu ein Jahrzehnt lang sanierte Stadtmuseum Anhängsel eines Bratwurststandes werden lässt, wird sich auszahlen - allerdings nicht für die Stadt. Ganz zu schweigen von der Rigorosität, mit der Lebensleistungen mit einem Federstrich vom Tisch gewischt würden, wenn Musikschule, Mal- und Zeichenschule, Kulturjournal, Stadtmuseum liquidiert (ich wähle dieses Wort mit vollem Bewusstsein!) werden. Die Verantwortlichen glauben, ein Exempel statuieren zu müssen und suchen sich dafür jene Einrichtungen, mit denen man so brutal umspringen zu können meint. In Leserbriefen werden Neuwahlen gefordert. Ich schließe mich diesem allzu verständlichen Begehren an.
Am 19. Februar dieses Jahres lud die Stadtkulturdirektion zu einer Sitzung ins Rathaus ein, um mit einigen Bürgern über den Kulturentwicklungsplan zu reden. Dabei sollte von Zahlen/Summen abgesehen werden. Im Laufe der Zusammenkunft stellte sich heraus, dass es nur darum ging, Stichworte für die Präambel des besagten, seit mindestens zehn Jahren überfalligen Planes einzufangen. Kulturentwicklung ein neuer Euphemismus für Kulturabwicklung? Sandkastenspiele dieser Art lassen ahnen, wie effektiv und konstruktiv in dieser Stadt gedacht und gehandelt wird.
Auch wenn der Stadtverordnete Hans-Jürgen Schäfer diesen Appell an Gewissen, Vernunft, Sachverstand wiederum als „sinnlosen Kram“ abtun mag, ich wollte nicht geschwiegen haben. Eingedenk Ihres demokratisch legitimierten, verantwortungsvollen Amtes und der sich daraus ergebenden weitreichenden Entscheidungen für die Stadt Weimar verbleibe ich mit den besten Empfehlungen.
Wulf Kirsten, Weimar